Edeka testet gekühlte Schließfächer

Mehr als ein Marketing-Gag? Gekühlte Schließfächer am Nordausgang des Hauptbahnhof Stuttgart.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Dagmar Lange

Die Überbrückung der letzten Meile zum Kunden ist das Problem von Onlineshops des Lebensmitteleinzelhandels (LEH). Im Hauptbahnhof Stuttgart testen Edeka und Bahn jetzt gekühlte Schließfächer. Experten sehen die Sache skeptisch, dennoch sollten Vermieter das Experiment im Auge behalten.

Edeka und Deutsche Bahn haben ein Experiment im Onlinehandel mit Lebensmitteln gestartet. Im Hauptbahnhof Stuttgart stehen seit Ende März 52 gekühlte Schließfächer, sogenannte Bahnhofsboxen. Kunden können sich dorthin Lebensmittel liefern lassen, die sie zuvor im Onlineshop von Edeka Südwest bestellt haben. Zur Auswahl stehen rund 7.000 Artikel. Den Code zur Öffnung der Schließfächer erhalten die Kunden per E-Mail. Sie können die bestellte Ware werktags innerhalb von zwei Zeitfenstern abholen - 10 bis 14 Uhr und 15 bis 22 Uhr. Beliefert werden die Kühl- bzw. Tiefkühlfächer gegen eine "geringe Servicegebühr" (Edeka) aus einer nahe gelegenen Edeka-Filiale. Am 4. Mai geht eine weitere Bahnhofsbox von Edeka im Ostbahnhof in Berlin in Betrieb. "Die Bahnhofsbox in Stuttgart ist für uns zunächst ein Testlauf", heißt es von der Deutschen Bahn.

Edeka testet mit der Bahnhofsbox einen neuen Vertriebsweg. Bisher ist in Deutschland - anders als in Frankreich - bei Bestellung von frischen Lebensmitteln über das Internet die Lieferung nach Hause der Regelfall. Doch die Zustellung von Obst, Gemüse und Tiefgekühltem über Dienstleister wie DHL oder eine eigene Lieferflotte (wie bei Rewe) geht ins Geld. Zudem wirft die Belieferung von Privathaushalten mit frischen Lebensmitteln große Probleme auf, wenn der Fahrer die Kunden nicht zu Hause antrifft. Gekühlte Lebensmittel können nicht so ohne weiteres beim Nachbarn abgegeben werden. "Die Überbrückung der letzten Meile verursacht extrem hohe Kosten, die Abholung durch den Kunden z.B. in einer Bahnhofsbox kann eine Alternative sein", erklärt Benjamin Slotty, Vertriebsleiter von emmasbox, den Hintergrund des Experiments in Stuttgart. Das Münchner Unternehmen ist auf gekühlte Abholstationen für den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) spezialisiert. Kühlfächer der Firma stehen am Vorzeigemarkt von Edeka Südbayern in Gaimersheim und bei Kaufland in Berlin (Schnellerstraße 20 d). Außerdem hat das 2013 gegründete Start-up seine Technik bereits nach Österreich und Frankreich verkauft.

Benjamin Brüser, Mitgründer des mittlerweile im Metro-Konzern aufgegangenen Lebensmittel-Onlinehändlers Emmas Enkel, findet die Bahnhofsboxen ein "cooles Produkt", glaubt aber nicht, dass die Zeit für diesen Vertriebsweg schon reif ist. "Wenn ich darüber nachdenke, wohin man sich Lebensmittel liefern lassen kann, wäre der Bahnhof der allerletzte Ort, der mir einfiele", sagte Brüser. Grundsätzlich sinnvoller wäre es seiner Meinung nach, gekühlte Abholstationen zunächst dort zu installieren, wo viele Menschen in der Nähe wohnen und die Wege nach Hause kurz sind. "Man könnte sie z.B. künftig bei großen Stadtquartieren gleich mitplanen."

Brüser glaubt, dass der Onlinehandel mit Lebensmitteln in Deutschland anbieterseitig noch nicht so weit ist, um Abholstationen profitabel betreiben zu können. "Es gibt noch zu wenige flächendeckende Anbieter. Auch Edeka ist in diesem Segment ja nur ein regionaler Player", sagt Brüser. Erfolgversprechend könne das Modell Bahnhofsbox erst sein, wenn sich Kunden aus allen möglichen Onlineshops Waren dorthin liefern lassen könnten. In "drei bis vier Jahren", so Brüser, könne es vielleicht so weit sein.

Dann allerdings könnten Lebensmittelabholstationen ein interessantes Geschäftsmodell z.B. für Vermieter von Einkaufszentren sein. Ähnlich wie Geldautomaten, die bis zu 350 Euro/m2/Monat Miete einspielen (siehe dazu "Wer den Kunden sucht, muss der Spur des Bargelds folgen", IZ 42/16), könnten Einkaufszentren Flächen an den LEH vermieten, auf denen dieser gekühlte Abholboxen aufstellt. Ob Edeka für den Feldversuch im Stuttgarter Hauptbahnhof bereits Miete an die Deutsche Bahn zahlen muss, war nicht in Erfahrung zu bringen. "Da es sich um Interna handelt, äußern wir uns öffentlich nicht dazu", erklärt ein Bahnsprecher auf Anfrage.

Während Edeka in Stuttgart mit Abholstationen experimentiert, hat das SB-Warenhaus Globus seinen Versuch, im deutschen LEH-Onlinehandel statt der Heimzustellung die Abholung durch den Kunden zu etablieren, vorläufig eingestellt. Der Drive-Markt im saarländischen Ensdorf, in dem die Kunden online bestellte Ware mit dem Auto abholten, wurde am 15. April geschlossen, den Drive-Markt in Gensingen (Rheinland-Pfalz) hatte Globus bereits 2014 dichtgemacht. Dominik Scheid, Globus-Geschäftsführer Vertrieb, erklärt dazu: "Mit Globus Drive konnten wir unseren Kunden einen zusätzlichen Service bieten und gleichzeitig Erfahrungen auf dem Gebiet des Onlinehandels sammeln. Nach einer Laufzeit von insgesamt fünf Jahren wurde aber immer deutlicher, dass unser Click-&-Collect-Konzept als reines Stand-alone-Konzept hierzulande noch von zu wenigen Kunden angenommen wird und sich deshalb nicht wirtschaftlich betreiben lässt."

Die Entscheidung von Bahn und Edeka, zu einem Zeitpunkt mit Abholstationen zu experimentieren, zu dem sich Globus von dem Modell wieder verabschiedet, kommentiert ein Fachmann wie folgt: "Das eine ist Business, das andere Marketing."

Eine entgegengesetzte Entwicklung ist derweil in Frankreich und der Schweiz zu beobachten. Einem Bericht der Lebensmittel Zeitung (LZ) zufolge gibt es in Frankreich inzwischen knapp 4.000 Drive-Supermärkte, allein 2016 seien rund 320 Abholstationen in Betrieb gegangen. In der Schweiz habe Coop angekündigt, die Zahl der Abholstationen bis Ende Mai auf 1.100 zu steigern. Amazon hat in Seattle ebenfalls für sein Lebensmittelangebot fresh zwei Abholstationen eröffnet.

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