"Es gibt Risikoquellen, die man untersuchen muss"

Das Feuer im Grenfell Tower fraß sich über die Fassade in die Höhe. Seitdem steht die Sicherheit von Dämmsystemen in Frage.
Quelle: Imago/Zuma Press, Urheber: Stephen Chung

Eine Brandkatastrophe wie im Londoner Grenfell Tower ist in Deutschland unmöglich? Stimmt nicht, sagt Dirk Aschenbrenner, Präsident der Vereinigung zur Förderung des deutschen Brandschutzes. Er spricht von trügerischer Sicherheit und wirft im Interview mit der Immobilien Zeitung einen Blick hinter die Fassaden. Im doppelten Wortsinn.

Immobilien Zeitung: Herr Aschenbrenner, seit London und der Räumung eines elfstöckigen Wohnhauses in Wuppertal ist eine heftige Diskussion über den Brandschutz von Hochhäusern, zu denen Gebäude ab 22 m aufwärts gehören, entflammt. Wie schätzen Sie die Sicherheit von Hochhäusern in Deutschland ein?

Dirk Aschenbrenner: Grundsätzlich ist der Brandschutz in Deutschland sehr gut. Wenn die aktuellen Vorschriften entsprechend den Landesbauordnungen und Sonderbauverordnungen eingehalten werden, sind Hochhäuser nach heutigem Stand sicher. Es gibt aber Risikoquellen, die man untersuchen muss.

IZ: Welche sind das?

Aschenbrenner: In den 1950er Jahren durften zum Beispiel brennbare Baustoffe verwendet werden. Die damals errichteten Hochhäuser mussten inzwischen an den Stand der Technik angepasst, das heißt zum Beispiel mit Fassaden aus nicht-brennbarem Material ausgestattet werden. Solche Anpassungen wurden aber nicht überall vorgenommen, weil Eigentümer nicht mit der Zeit gegangen sind. Ein anderes Risiko besteht darin, dass jemand bewusst gegen Brandschutzvorschriften verstößt. Oder es werden beim Bau Fehler gemacht, so dass Mängel entstehen oder entstanden sind, die den Brandschutz gefährden.

IZ: Was meinen Sie konkret?

Aschenbrenner: Wenn zum Beispiel bei einer Dämmung die Platten nicht sorgfältig miteinander verklebt wurden und deshalb Spalten bleiben, über die sich das Feuer, wie in einem Kamin, in die Höhe fressen und in die Fläche ausbreiten kann. Oder wenn beim Verbinden auf zugelassenes, nicht brennbares Material verzichtet wurde, um Kosten zu sparen. In der Konsequenz sind in Deutschland wahrscheinlich nicht 100% aller Hochhäuser auf dem heutigen Stand der Technik.

IZ: Also alle überprüfen?

Aschenbrenner: Das Problem ist, bei einer Dämmung müssen Sie hinter die Fassade gucken. Das ist schwierig und aufwändig. Die Brandschutzdienststellen sollten deshalb zuerst in die Akten zu dem Gebäude gucken. Einzelfälle sind dann sehr genau zu prüfen.

Dirk Aschenbrenner.
Quelle: Feuerwehr Dortmund
"Nicht alle Hochhäuser sind zu 100% auf dem heutigen Stand der Technik".
IZ: Die Berufsfeuerwehren, der Deutsche Feuerwehrverband und Sie warnen in einem Positionspapier vor Außendämmungen aus Polystyrol. In Hochhäusern ist der Einbau des Materials wegen drohender Brandgefahr verboten. Sie und Ihre Kollegen fordern jetzt ein Einbauverbot auch für Gebäude zwischen 7 und 22 m. Bei diesen darf das Material bislang weiter zur Dämmung verbaut werden. Sie haben maßgeblich an dem Positionspapier mitgearbeitet. Worin sehen Sie die Gefahr von Polystyroldämmungen?

Aschenbrenner: Die Feuerwehren haben seit 2012 Brandfälle dokumentiert, an denen Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) mit Polystyrolschaum beteiligt waren. Auf der Liste stehen 90 Brände. Es gab elf Tote und 124 Verletzte. Die meisten Menschen starben nicht in der Brandwohnung, sondern in Geschossen darüber. In Berlin, Köln und Duisburg hat sich das Feuer über die Fassaden der brennenden Gebäude nach oben ausgebreitet. Die rasante Geschwindigkeit, mit der sich Brände ausbreiten, und die enorme Rauchentwicklung sind deutlich größer als bei anderen Dämmsystemen.

IZ: Wo liegt der kritische Punkt bei Polystyrol?

Aschenbrenner: Aus der Erfahrung wissen wir, dass zwei Drittel der 90 Brände vor dem Gebäude entstanden. Bei einer extrem schnellen Ausbreitung des Feuers über die Fassade, die wir bei diesem Wärmedämmverbundsystem beobachteten, kann die Feuerwehr in der ihr von den Bundesländern verordneten Hilfsfrist von acht bis zehn Minuten das Ausbreiten über mehr als zwei Etagen nicht verhindern.

IZ: Aber solches Material wird doch auf Brandsicherheit geprüft ...

Aschenbrennner: Ja, und man muss sich immer wieder fragen, ob das Material die hohen Belastungen eines Feuers aushält, und der Test der Realität entspricht. Beim Sockelbrand, über den wir sprechen, wenn ein Feuer vor dem Gebäude ausbricht, tut er das nicht. Der Test geht von deutlich weniger freigesetzter Energie hinsichtlich Dauer, Temperatur und Intensität eines Brandes aus.

IZ: Wie heiß wird denn ein Feuer und wie lange muss das Material durchhalten? Wie schnell breiten Flammen sich aus, wenn Sie von rasant sprechen?

Aschenbrenner: Das können ein paar Sekunden sein. Geschwindigkeit und Hitzeentwicklung hängen auch von äußeren Umständen ab. Der Klassiker ist die Mülltonne, die vor der Fassade brennt. Bei der Hitzeentwicklung spielt die Größe der Tonne eine Rolle; je nach dem kann das Feuer schnell 1.200 oder 1.400 Grad erreichen. Das reicht aus, um die Fassade in Brand zu setzen. Manchmal genügen schon 600 bis 800 Grad. Der derzeitige Test simuliert aus unserer Sicht kein reales Feuer, denn er berücksichtigt die äußeren Umstände nicht. Einem sicheren System muss ich einen realistischen Test vorschalten. Den gibt es nicht.

IZ: Ihre Schilderung erinnert an die unrealistische Laborpraxis bei Autoabgastests. Sie und Ihre Kollegen fordern realistischere Bedingungen und darüber hinaus Brandschutzriegel am Gebäude, um ein Überschlagen der Flammen auf höhere Geschosse zu verhindern. Bislang ohne Erfolg. Woran scheitert‘s?

Aschenbrenner: Die Dämmstoffindustrie hat nicht das Interesse, ein intensiveres Feuer als Testfeuer zu verwenden, weil sie dann das Material nachjustieren müsste.

IZ: Mit welcher Folge?

Aschenbrenner: Es würde den Dämmstoff teurer machen.

IZ: Und was ist mit den Brandriegeln?

Aschenbrenner: Brandriegel sind für niedrigere Gebäude bisher nicht vorgeschrieben, dazu müssten erst Vorschriften wie Muster- und Landesbauordnungen und eventuell Zulassungsverordnungen geändert werden. In Österreich und Frankreich sind die Riegel bereits Vorgabe und zwar in jedem Geschoss.

IZ: Wie sensibel geht denn die Immobilienbranche mit dem Brandschutz um?

Aschenbrenner: Es gibt Betreiber, die sehr sorgfältig die Vorschriften beachten, und solche, die sagen: Ich ziehe ein bisschen Miete ein und überlasse den Rest den anderen. Wir sehen auf jeden Fall den Betreiber in der Pflicht!

IZ: Vertreter der Immobilienbranche beklagten kürzlich, Brandschutzkosten verteuerten das Bauen und das verhindere Neubauten.

Aschenbrenner: Feuerwehren kämpfen häufig gegen äußere Einflüsse, weil Brandschutz mehr Aufwand bedeutet. Aber nehmen Sie mal das Auto. Da ist Sicherheit hip. Autokäufer führen stolz vor, welche aktiven und passiven Sicherheitsvorkehrungen ihr neuer Wagen hat. Wenn Sie die alle rausnähmen, wäre das Auto nicht mehr hip: Es sagt aber keiner, ich verzichte oder das ist zu teuer.

IZ: Heißt auf die Immobilienbranche übertragen?

Aschenbrenner: Sicherheit kostet Geld. Und wer Immobilien entwickelt, muss auch in den Brandschutz investieren. Wenn zum Beispiel ECE Einkaufszentren mit 160 Läden baut, da ist der Brandschutz nun mal aufwändiger als bei einem Einfamilienhaus. Wenn ich größer und komplexer bauen will, muss ich mehr in den Brandschutz stecken.

IZ: Was erwarten Sie aus der Diskussion über die Hochhauskatastrophe von London?

Aschenbrennner: Dass Gesellschaft und Politik wahrnehmen, dass man zwar glaubt, in sicheren Systemen zu leben, diese aber ständig hinterfragen und anpassen muss.

IZ: Besten Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Monika Hillemacher.

Einheitliche Brandschutzregeln

Brandschutz in Deutschland ist Ländersache. Bauherren, Investoren und Behörden sind mit einem Wust an unterschiedlichen Vorschriften konfrontiert. In der Folge des verheerenden Feuers in London gibt es Bestrebungen, die Regeln anzugleichen. Das hat sich die Bauministerkonferenz vorgenommen. Der federführende Minister Thomas Wedel (Sachsen-Anhalt) forderte seine 15 Länderkollegen schriftlich auf, Vorschläge zur Vereinheitlichung zu machen. Er rege an, "über weitere Verfahrensschritte zur Thematik Hochhäuser nachzudenken und ggf. abzustimmen", schreibt Webel. Die Vorschläge sollen auf der nächsten Tagung der Bauminister im November besprochen werden. Zuvor hatte schon Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) von den Bundesländern verlangt, ihre unterschiedlichen Brandschutzvorschriften anzugleichen, "auch damit in Deutschland einheitliche Brandschutzbestimmungen gelten". Bisher hat jedes der 16 Bundesländer seine eigenen Standards. Der Vorstoß der Bauministerkonferenz könnte der erste Schritt sein, mit dem Wirrwarr an Brandschutzvorschriften aufzuräumen. hi

Zurück zur Startseite