"Mittlerweile schalten wir Stellenanzeigen"

Exporo-Immobilienchef Julian Oertzen über den Dächern von Hamburg. Im Hintergrund: die Elbphilharmonie.
Quelle: Exporo

Früher konnte der Schwarmfinanzierer Exporo seinen Bedarf an Immobilienköpfen durch das Anzapfen persönlicher Netzwerke decken. Heute hat die Crowdinvesting-Plattform wachstumsbedingt eine hauptamtliche HR-Managerin und greift auf konventionelle Mittel der Personalsuche zurück.

Proptechs haben von Juli bis Dezember 2016 insgesamt 38% mehr Jobs ausgeschrieben als von Januar bis Juni 2016, wie die Metajobsuchmaschine Joblift herausfand. Exporo, Ende 2014 mit vier Gründern und einem weiteren Mitarbeiter gestartet, beschäftigt heute ca. 75 Mitarbeiter. Bis Ende 2018 soll die Exporo-Mannschaft auf 120 bis 130 Köpfe weiterwachsen. Im Rekrutierungsfokus stehen, neben Programmierern und Vertrieblern, insbesondere Kandidaten, die sich mit Immobilien auskennen.

Die Crowdinvesting-Plattform sammelte vor zwei Jahren 7 Mio. Euro für Projektentwicklungsfinanzierungen ein, 2016 waren es schon 23 Mio. Euro, und in diesem Jahr hat man bis Mitte August ca. 55 Mio. Euro beisammen. "Am Jahresende 2017 werden wir bei 80 bis 100 Mio. Euro rauskommen", schätzt Julian Oertzen, einer der Gründer und Vorstände von Exporo. Und 2018 will er in den "deutlich dreistelligen Bereich".

Insgesamt hat Exporo schon für 66 Vorhaben das nötige Kleingeld eingesammelt. Bei den meisten bisher bewerkstelligten Projektfinanzierungen handelte es sich um Nachrangdarlehen. Ende 2016 startete man auch mit Erstrangfinanzierungen. Bei zehn Projekten wurde das bei den Anlegern eingeworbene Geld inklusive der versprochenen Zinsen schon zurückgezahlt.

Demnächst schlägt Exporo ein weiteres Gesetzbuch auf - das Wertpapierhandelsgesetzbuch - und wird auch Anleihen begeben. So umgeht man die im Vermögensanlagegesetzbuch vorgesehene Deckelung von Schwarmfinanzierungen auf eine Obergrenze von 2,5 Mio. Euro pro Projektentwicklung bzw. von 10.000 Euro pro Anleger. Auch nach unten hin sollen dem Wachstum keine Grenzen mehr gesetzt sein: Hat Exporo bis dato eine Mindestbeteiligung von 500 Euro zur Bedingung gemacht, sollen sich Anleger in Zukunft über einen Ansparplan ab 50 Euro im Monat beteiligen können.

Als alles anfing, zog Oertzen, der heute im Exporo-Vorstand für die Immobilienthemen zuständig ist, mit Tim Bütecke, dem einzigen waschechten Immobilienprofi im Gründerquartett, auf der Suche nach kooperationswilligen Developern um die Häuser. Praktisch täglich lernte er in den Akquisegesprächen dazu, denn die Finanzierung von Immobilienprojekten war komplettes Neuland für ihn. Seit Bütecke Mitte dieses Jahres in den Aufsichtsrat gewechselt ist, ist Oertzen bei Exporo der alleinige Immobilienchef. Dabei kamen Immobilien in der Vita des heute 36-Jährigen nicht - naja: kaum vor, ehe er sich vor drei Jahren den anderen drei Exporo-Gründern anschloss.

Studiert hat der Kopf des Immobilienteams der Hamburger Crowdinvesting-Plattform Maschinenbau. Weil ihm die reine Ingenieurstätigkeit nicht reichte, ging er unter die Berater. In seiner Zeit bei der Boston Consulting Group kam er zum ersten Mal in seinem Leben mit einem Immobilienunternehmen in Berührung. Oertzen wirkte an der Erarbeitung eines Management-Tools für einen Wohnungskonzern mit. Das Ziel: die pekuniären Anreize für die Manager regionaler Teilportfolios beliebig an die Verbesserung bestimmter Leistungskennzahlen (Leerstand, Mietwachstum etc.) zu koppeln.

Bevor Oertzen bei Immobilienprojektentwicklern Klinken putzen ging, sollten jedoch noch einige Jährchen vergehen. Eines Tages klopfte der Gesellschafter eines Start-ups, das sich anschickte, Lösungen für die Zwischenspeicherung regenerativ erzeugten Stroms zu entwickeln, bei ihm an. Oertzen brach nach zweieinhalb Jahren seine Zelte bei der Unternehmensberatung ab - um keine zehn Monate später schon wieder bei dem Cleantech-Start-up auszusteigen: "Die Wirtschaftlichkeit der Technologie war nicht gegeben."

Die unverhoffte freie Zeit nutzte Oertzen für eine Art Praktikum bei einem Wagniskapitalgeber: "Um auch mal die Finanzierungsseite der Start-up-Welt kennenzulernen." Nach diesem Intermezzo machte er sich als Unternehmensberater selbstständig, beriet Technologiekonzerne bei Restrukturierungen oder Automobilhersteller bei E-Mobilitätskonzepten. Knapp drei Jahre währte diese Phase seines Lebens.

Die Weichenstellung in Richtung Real Estate nahm jemand vor, den es damals noch gar nicht gab: "Ich hatte drei Jahre lang praktisch nur gearbeitet und keinen Urlaub gemacht. Als mein erstes Kind kam, habe ich beschlossen, dass das anders werden muss, und mir erstmal zwei, drei Monate Auszeit genommen." In dieser Zeit ging Oertzen mit Simon Brunke, einem Freund aus Schulzeiten, auf der Alster segeln. "Mit zwölf haben Simon und ich in der Lüneburger Heide Figuren aus Überraschungseiern aufgekauft und in Hamburg weiterverkauft. Dort gab es damals einen Hype um die Ü-Ei-Figuren, der aber noch nicht bis in die Lüneburger Heide herübergeschwappt war ..."

Der Segeltörn mit Schulfreund Brunke wurde zum Flop: "Es gab keinen Wind. Aber weil wir den Termin schon fünf Mal verschoben hatten, segelten wir trotzdem raus." So hatte Brunke wenigstens reichlich Zeit, Oertzen auf stiller See bei einem Bierchen von "Exporo" zu erzählen. Nachdem Oertzen einen Blick in den Businessplan geworfen hatte, ging auch er an Bord. Wo er auf einen weiteren Schulkameraden aus Gymnasialzeiten traf: Björn Maronde. Alle drei heutigen Vorstandsmitglieder von Exporo haben zusammen Abi gemacht.

Heute führt Oertzen eine Abteilung mit zehn Mitarbeitern. Allein sechs davon akquirieren Projekte für die Plattform. Zwei Kollegen prüfen diese auf ihre Finanzierungswürdigkeit, und die restlichen beiden heben die für tauglich befundenen Bau- bzw. Finanzierungsvorhaben auf die Plattform und kümmern sich um das Vertragswerk. Fast alle Mitarbeiter im Immobilienbereich haben auch einen Immobilienhintergrund: Zwei haben vorher jahrelang bei der SEB Finanzierungen von Projektentwicklungen geprüft, einer kam von einem anderen Mezzanine-Kapitalgeber zu Exporo. Ein Vierter leitete vorher das Property-Management bei der Haspa HanseGrund, zwei Key-Accounter kamen von Immonet und Immoscout, ein Einkäufer von Conwert, einer von der Ratingagentur Scope.

"Am Anfang haben wir die Stellen mit erfahrenen Leuten besetzt, weil wir ja erstmal absolute Experten gebraucht haben", so Oertzen. Die braucht er natürlich immer noch, doch inzwischen setzt Exporo noch früher an: Exporo bietet Praktika und Werkstudentenjobs an und sucht Berufseinsteiger und Young Professionals. Denn selbst Absolventen und Studenten sind mittlerweile hart umkämpft. Zwei Praktikanten wurden schon in eine Festanstellung übernommen. Einer, der einen Abschluss in BWL in der Tasche hat, ist mit dem festen Arbeitsvertrag aus der Immobilienabteilung ins Business-Development gewechselt. Ein anderer hat International Business Management auf Bachelor studiert und absolviert jetzt in Kooperation mit Exporo das berufsbegleitende, duale Masterstudium "Real Estate and Leadership" an der HSBA in Hamburg.

Da bleibt es nicht aus, dass Oertzen, der sich früher selbst nebenbei um Personalfragen gekümmert hat, diese Tätigkeit mittlerweile an eine hauptamtliche HR-Managerin abgegeben hat. Die Dame kam übrigens von einem anderen, etwas prominenteren Unternehmen aus der digitalen Welt: Zalando. "Bei uns kann man früh Verantwortung übernehmen. Wenn Unternehmen wie wir wachsen, entstehen immer wieder Lücken: Ich hatte z.B. am Anfang sechs verschiedene Hüte auf."

Nicht nur das Gesicht des HR-Verantwortlichen ist heute ein anderes, auch die Wege der Mitarbeitersuche haben sich verändert: "Die ersten zwei, drei Mitarbeiter für den Immobilienbereich haben wir über unser persönliches Netzwerk gefunden. Mittlerweile schalten wir aufgrund des aufgestiegenen Bedarfs auf IZ-Jobs.de Stellenanzeigen. Es ist leider nicht einfacher, jemanden Erfahrenes für den Immobilienbereich zu finden als einen IT-Experten."

Wer sich nur auf der Gehaltsachse optimieren wolle, für den sei Exporo nicht der richtige Arbeitgeber: "Als Berufsanfänger kann man sicher in einem Konzern ein paar tausend Euro mehr verdienen." Geld ist natürlich auch heute noch ein Lockmittel im Wettbewerb der Arbeitgeber. Aber es muss ja nicht sofort fließen: "Wir bieten ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm an, wie andere Wachstumsunternehmen auch: Der Koch von Google ist mit Aktienoptionen beim Börsengang 26 Mio. USD reicher geworden."

Neben der Aussicht auf ein langfristiges finanzielles Upside lockt Exporo auch mit schicken neuen Büros - man ist dieses Jahr ins Vespucci-Haus in der Hamburger Hafencity umgezogen und hat vorsorglich ein paar hundert Quadratmeter mehr angemietet, als zurzeit eigentlich gebraucht werden - samt Dachterrasse zum Ausbrüten von Ideen und Konferieren, Chillen und Feiern. Spaß muss sein, doch die Arbeit geht natürlich auch bei einem Immobilien-Start-up vor: "Wir suchen diejenigen, die viel lernen, Verantwortung übernehmen und etwas bewegen wollen", betont der Exporo-Vorstand. "Wer einen klassischen Bürotag von neun bis fünf Uhr und keine Minute länger arbeiten will - den suchen wir nicht. Detaillierte Stellenbeschreibungen und Dienst nach Vorschrift können wir nicht bieten", sagt Oertzen. Zwingen müsse er niemanden, in die Verlängerung zu gehen: "So viel Verantwortung ist ansteckend! Selbst Banker arbeiten bei uns aus eigenem Antrieb viel länger, als im Vertrag steht."

Ein Wettbewerber raunt hinter vorgehaltener Hand, der stramme Wachstumskurs von Exporo könne nicht gesund sein. Herr Oertzen, was, wenn die Immobilienmärkte irgendwann mal einbrechen? Könnte sich Exporo dann vielleicht, auch personell, verhoben haben? "Klar würde ein Crash auch uns treffen. Wir können es aber überstehen, wenn mal ein halbes Jahr gar nix gehen sollte. Leute entlassen müssten wir bei unseren Kapitalreserven jedenfalls nicht sofort." Exporo habe schließlich unlängst in einer zweiten Finanzierungsrunde 8 Mio. Euro eingesammelt.

Vorzeichen für eine Talfahrt kann Oertzen zwar nicht am Firmament erkennen, aber ganz so rosig wie in der jüngeren Vergangenheit sind die Aussichten für die Immobilienmärkte nach seiner Wahrnehmung nicht mehr: Es gebe Bereiche, die "Sättigungseffekte" zeigten. "Luxuswohnprojekte machen wir z.B. nur noch in Ausnahmefällen." Von Exporo abgelehnte Projekte habe er allerdings auf anderen Crowdinvesting-Plattformen wieder auftauchen gesehen.

Zurück zur Startseite