Immobilienbranche sucht ihr digitales Leitbild

Vonovia-Vorstandsmitglied Klaus Freiberg sieht die Verwendung von Papier auf der persönlichen Ebene als eine Altersfrage. Im Unternehmen hingegen setzt er auf möglichst vollständige Digitalisierung.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Ulrich Schüppler

Mit großem Trara lud der Zentrale Immobilien Ausschuss (ZIA) zum Innovationskongress nach Berlin, auf dem sich rund 30 Referenten und Diskutanten sowie um die 400 Teilnehmer tummelten. Dabei scheint die Branche insgesamt von einer gewissen Schlaftrunkenheit geprägt zu sein. Wenn sie überhaupt schon aufgewacht ist.

Zwischen Schnittchen und Tafelwasser schwirrten in den Pausen die Stimmen der Tagungsteilnehmer im Café Moskau durcheinander. Der ZIA-Innovationskongress ist als Netzwerktreffen mindestens ebenso wichtig wie als Informationsveranstaltung. Das Gros der deutschen Proptech-Szene gab sich ein Stelldichein und jeder Digitalchef, der irgendwas mit Immobilien am Hut hat, zeigte Präsenz. Doch wenn Digitalspezialisten mit Start-up-Gründern sprechen, wird die Diskussion schnell selbstreferenziell. Schließlich wissen beide Seiten, was getan werden müsste, aber sie entscheiden es in der Regel nicht. Das obliegt den Unternehmenschefs und den Politikern, die die Rahmenbedingungen setzen.

Die aber waren auf dem Innovationstag dünn gesät. Zwei CEOs aus der umfangreichen Referentenliste hatten kurzfristig abgesagt und die Diskussionsrunde über Smart Cities beehrte nur ein Staatssekretär statt deren zwei. Der wiederum kam etwas später und kündigte dann sogleich an, etwas früher wieder gehen zu müssen.

Umso wuchtiger wirkte die Eingangsrede von Klaus Freiberg, COO des Wohnungsunternehmens Vonovia und bekennender Verfechter der Digitalisierung. "Die wenigsten unserer Wettbewerber sind voll IT-unterstützt", stellte Freiberg fest. Dazu brauche es erst einmal eine vernünftige digitale Grundausstattung, denn "ohne Standardsoftware funktioniert keine Digitalisierung". Statt sich in der Überzeugung zu sonnen, mit Online-Buchungen von Wohnungsbesichtigungen und digital optimierten Fahrtrouten für die hauseigene Instandhaltungsflotte schon das Ende des digital Machbaren erreicht zu haben, kündigte Freiberg für Vonovia die Digitalisierung im Neubau an. Ab 2018 sollen zunächst 2.000 Wohneinheiten aus vorgefertigten Modulen entstehen und die Baukosten dadurch auf 1.800 Euro/m² sinken. Damit befindet sich das Wohnungsunternehmen voll im Trend (siehe "Sparen mit System").

"Das ist immer noch kein BIM, wie ein Ingenieur es sich vorstellt", gab Freiberg zu. Seiner Ansicht nach kommt die Wohnungswirtschaft um eine Digitalisierung von Bestandsdaten allerdings nicht herum. "Wir müssen die Frage beantworten, wo die Nachverdichtungspotenziale in den Städten sind", sagte Freiberg. Dabei können digitale Planungssysteme eine Hilfe sein.

In der anschließenden Diskussion sagte ZIA-Vizepräsidentin Bärbel Schomberg, dass ein digitaler Ruck durch die Immobilienbranche gehen müsse, und Christian Schulz-Wulkow, Geschäftsführer von Ernst & Young Real Estate, wünschte sich ein digitales Leitbild, das über Prozessoptimierung und Plattformlösungen hinausgeht. "Was neue Geschäftsmodelle angeht, sind wir erst ganz am Anfang", war seine ernüchternde Einschätzung der Lage. Tobias Decker, Geschäftsfeldleiter Immobilien beim Softwareriesen SAP, empfahl der Branche, vom Stadium der Erkenntnis in das des Handelns überzugehen und die Dinge endlich anzupacken.

Carsten Linz, Leiter des Centers für Digital Leadership bei SAP, sieht große Chancen darin, den Innovationsprozess der Start-ups auch in etablierten Unternehmen anzuwenden und bisherige Geschäftsmodelle radikal infrage zu stellen. Digitalisierung, so wie Linz sie versteht, verbessert nicht einfach Prozesse oder macht Dienstleistungen ein bisschen billiger, sondern sprengt Branchengrenzen und ordnet die Aufgaben der einzelnen Marktteilnehmer neu. Deshalb sei es verfehlt, so Linz, Digitalprojekte den Spezialisten in der IT-Abteilung zu überlassen. Digitalisierung müsse Chefsache sein.

Dass die Behörden ebenfalls digitaler werden müssen, darüber waren sich Politik, Verbands- und Branchenvertreter einig, der Weg dahin scheint jedoch weniger klar. Han Joosten, Leiter Marktforschung bei der Rabobanktochter BPD Immobilienentwicklung, ließ sich in einer Diskussion nicht davon überzeugen, dass der Personalmangel in deutschen Baubehörden die Digitalisierung verzögern würde. "Personalmangel ist eine hervorragende Ausgangsposition, um mehr Digitalisierung durchzusetzen", sagte Joosten und verwies auf Erfahrungen aus den Niederlanden. Den Deutschen riet er, das Thema digitale Transformation nicht zu verschlafen: "Sie müssen ja nicht gleich rennen, aber gehen Sie wenigstens vorwärts."

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