Viel weniger Menschen wollen in die Innenstadt

Eine der begehrtesten Wohnlagen im Ruhrgebiet: Essen-Bredeney scheint dem Wohntraum der Menschen sehr nahe zu kommen.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Thorsten Karl

Nordrhein-Westfalen. Die meisten Untersuchungen zu Wohnungsmärkten sind retrospektivisch. Nun hat die LBS West eine Untersuchung veröffentlicht, in der sie die Bewohner des Bundeslandes gefragt hat, wie sie künftig gerne wohnen würden. Fast ein Drittel der Nordrhein-Westfalen wollen vielleicht umziehen. Besonders gefragt sind dabei die Stadtteilzentren. Die City hat an Attraktivität verloren.

Die LBS West aus Münster hatte die Hamburger Analyse & Konzepte damit beauftragt, die Wohnwünsche der Menschen in Nordrhein-Westfalen (NRW) herauszufinden. Bereits zweimal, 2008 und 2012, hatte die LBS West das Institut mit einer solchen Studie betraut. Dieses Mal wurden die Menschen aber nicht telefonisch, sondern online befragt.

Eines der Ergebnisse ist, dass offenbar der Angebotsmangel die Menschen hinsichtlich der Wünsche nach dem Wohnumfeld kompromissbereiter gemacht hat. Das bedeutendste Kriterium bleibt hier das "sichere Wohnumfeld", das 90% der Befragten wichtig oder sehr wichtig nannten. Die Kriterien "gut funktionierende, nette Nachbarschaft" und "ruhige Wohngegend" haben hingegen an Bedeutung verloren. 2012 befanden sich diese beiden Merkmale noch auf Platz zwei und drei bei der Wohnraumsuche. Sie wurden von "guten Einkaufsmöglichkeiten" und eine "schnelle Internetverbindung" abgelöst.

Während die sichere Wohngegend in allen Altersklassen die Spitzenposition einnahm, hatten gute Einkaufsmöglichkeiten besonders bei Singles und Paaren über 55 Jahren eine hohe Bedeutung. Am wenigsten wichtig waren für die Befragten, wie auch schon 2012, die Punkte "gutes Angebot an Freizeitmöglichkeiten" und "gewachsene historische Innenstadt".

Keine Veränderung gegenüber 2012 gab es bei den Umzugsgründen: Hier wurden familiäre Gründe oder eine zu kleine Wohnung am häufigsten genannt. Dass das Angebot knapper geworden ist, belegt, dass nur noch 35% der Befragten angaben, schnell eine passende Wohnung oder ein passendes Haus gefunden zu haben. 2012 stimmten dieser Aussage noch 52% aller Befragten zu. Ein Viertel der Eigentümer und Mieter erklärten, beim letzten Umzug nicht nach der Höhe der Nebenkosten gefragt zu haben.

Eher ambivalent war die Auskunft auf die Frage nach den Umzugsplänen. Demnach gaben jetzt nur 19% der Befragten an, in den nächsten Jahren bestimmt umziehen zu wollen. 2012 waren es noch 23%. Dafür stieg aber die Zahl der Haushalte deutlich an, die erklärten, vielleicht umziehen zu wollen: Sie wuchs von 13% auf 30%. Von dieser Gruppe und der, die auf jeden Fall umziehen will, gaben 19% an, in ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung ziehen zu wollen. Darunter befand sich, wenig überraschend, die Gruppe der Haushalte mit Kindern am häufigsten.

79% der Haushalte, die in Immobilieneigentum ziehen wollen, suchen eine Einheit mit mindestens vier Zimmern. Bei den künftigen Mietern hingegen waren 63% mit einer Dreizimmerwohnung zufrieden. Einzimmereinheiten wurden übrigens als künftige Wohnungen gar nicht genannt.

Bei den künftigen Mietern waren Einheiten im Erdgeschoss oder ersten Stock besonders gefragt. Künftige Wohnungseigentümer bevorzugten mehrheitlich erstaunlicherweise die zweite oder dritte Etage einer Immobilie. Dafür bevorzugen Mieter Gebäude mit maximal sechs Einheiten, während potenzielle Wohnungserwerber vor allem Häuser mit sieben bis zwölf Wohnungen attraktiv finden.

Ebenfalls stark gefragt waren Eigenheime zur Miete. Immerhin ein Viertel der Mieter auf Wohnungssuche gab an, als nächstes ein Ein-/Zweifamilienhaus oder ein Reihenhaus mieten zu wollen. Insgesamt, so heißt es in der Studie, seien die Ansprüche an das neue Haus oder die neue Wohnung seit 2012 jedoch gesunken. So hat der Punkt "niedrige Nebenkosten" seit 2012 an Bedeutung verloren (85% statt 99%). Dasselbe gilt für die Verwendung schadstofffreier Baustoffe. Wichtiger wurde dafür die Wohnküche: Sie gehört mittlerweile für 71% der Wohnungssuchenden zum Mindeststandard. 2012 waren es noch 64%. Noch wichtiger als eine Wohnküche ist allerdings schnelles Internet: das gehört für 92% der Befragten zum Mindeststandard der künftigen Wohnung.

Für die richtige Wohnung sind die Menschen zunehmend bereit, längere Arbeitswege in Kauf zu nehmen. So stieg der Anteil derjenigen, die bereit sind einen Arbeitsweg von einfach 21 km und mehr zu pendeln, von 50% auf nun 62% gestiegen. 72% der umzugsbereiten Haushalte würden pendeln.

Neben dem Umzugswunsch gewinnt Wohneigentum als Anlageobjekt an Bedeutung. So gaben aktuell 52% der Befragten an, entweder bereits eine Immobilie als Anlageobjekt zu besitzen oder auf der Suche danach zu sein bzw. sich eine solche anschaffen zu wollen. 2012 kam diese Gruppe nur auf 26%. Dabei stiegen die Gruppen "Ich suche bereits" und "Vielleicht" am stärksten an.

Ein weiteres, eher erstaunliches Ergebnis der Untersuchung war, dass der Run auf die Innenstädte offenbar gebremst ist. Bei einer Umfrage vor zehn Jahren wollte noch jeder Zweite beim nächsten Wohnungswechsel in eine City ziehen. Bei der aktuellen Umfrage äußerten das nur noch 19% der Befragten. Das geringe Angebot an geeignetem Wohnraum und die extrem gestiegenen Miet- und Kaufpreise dürften für ein Umdenken gesorgt haben. Unverändert ist übrigens der Anteil derjenigen, die sich für das ländliche Wohnen interessieren: Er liegt bei 16%.

Dafür zieht es die Menschen jetzt in die ehemals unbeliebten Stadtteilzentren. War diese Wohnlage vor zehn Jahren mit 6% noch das Schlusslicht, so gaben nun 25% an, hier hinziehen zu wollen. Ebenfalls zulegen konnte die ruhige Stadtteillage. Sie nimmt aktuell mit 40% den Spitzenplatz bei den präferierten künftigen Wohnstandorten ein, nach 28% vor zehn Jahren.

Am Erstaunlichsten ist wohl die Verschiebung der Wohnwünsche bei Paaren und Singles bis 35 Jahre. Waren 2008 noch 57% auf der Suche nach einer Bleibe in der Innenstadt, so sind es jetzt nur noch 19%. Dafür wollen 45% dieser Gruppe gerne in die ruhige Stadtteillage ziehen, im Jahr 2008 gaben dies nur 24% der Befragten an.

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