Eine Kathedrale für die Freiheit des Geistes

Damit den Zuschauern im Paulinum nicht die Sicht versperrt wird, sind die Mittelsäulen verkürzt und haben keine tragende Funktion. Stattdessen dienen sie als effektvolle Leuchtkörper, die eigens für das Projekt aus Glas gefertigt worden sind und das Paulinum ein wenig wie einen Eispalast erscheinen lassen.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Martina Vetter

Leipzig. Mit acht Jahren Verspätung ist das Paulinum am vergangenen Wochenende mit einem Festakt und zahlreichen Veranstaltungen feierlich eingeweiht worden. Das lange Warten hat sich gelohnt, denn die neue Aula der Universität Leipzig, die zugleich als Universitätskirche und Veranstaltungsort dient, ist ein architektonisches Meisterwerk.

Wenn es immer nur nach dem schnöden Mammon gehen würde, würden Bauwerke wie die Elbphilharmonie in Hamburg oder das Paulinum in Leipzig wohl kaum realisiert werden. Denn bei beiden Vorhaben gab es Schwierigkeiten bei der Umsetzung, viel Streit und die Baukosten kletterten kräftig nach oben. Beim wesentlich kleineren Paulinum freilich lange nicht so exorbitant wie bei der am Ende 865 Mio. Euro teuren Elbphilharmonie. Dennoch kostete das Paulinum, das anstelle der 1968 vom damaligen DDR-Regime gesprengten Universitätskirche St. Pauli entstand, mit rund 117 Mio. Euro am Ende mehr als doppelt so viel wie ursprünglich veranschlagt.

All das erscheint angesichts des Ergebnisses nicht wirklich der Rede wert, denn das, was die Universität, die Stadt Leipzig und auch die evangelische Kirche mit dem Bauwerk an Prestige und Aufmerksamkeit gewinnen, kann mit Geld nicht aufgewogen werden. Die Uni Leipzig zählt mit dem neu gebauten Campus am Augustusplatz, dessen Schlussstein mit dem Paulinum gesetzt wurde, zu den modernsten und attraktivsten in Deutschland und ist bei Studierenden überaus beliebt. Für die Kirche ist mit dem Paulinum, oder wie es korrekt heißt Paulinum - Aula und Universitätskirche St. Pauli, wieder ein Ort für Gottesdienste an dem willkürlich zerstörten historischen Standort geschaffen worden. Und für die Stadt Leipzig schließlich wird mit der komplett neu gestalteten Platzkante am Augustusplatz eine städtebauliche Wunde geschlossen, die der Abriss der historischen Universitätsgebäude und des zur Universität gehörenden Gotteshauses hinterlassen hatten.

Ähnlich wie die Frauenkirche in Dresden war die 700 Jahre alte Paulinerkirche für Leipzig ein Wahrzeichen der Stadt, dessen Fehlen die Bürger nie wirklich verwinden konnten. Einen "barbarischen Akt der DDR-Diktatur" nennt Universitätsrektorin Beate Schücking die Zerstörung des im Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt gebliebenen 700 Jahre alten Bauwerks. Den Wiederaufbau forderten mutige Studenten schon kurz nach dem Abriss am 30. Mai 1968, doch erst nach der Wende gab es die Möglichkeit, den Gedanken Taten folgen zu lassen. Anders als bei der Frauenkirche, die originalgetreu wieder ausgebaut worden ist, sollte St. Pauli jedoch als eine Art modernes Mahnmal für die Freiheit des Geistes und des Glaubens wieder entstehen und Seminargebäude, Aula, Kirche und Veranstaltungsort in einem werden.

Links: Das Paulinum von außen. Eine Lichtinstallation erzählt die Geschichte des Gebäudes. Rechts: Der Innenraum der Aula, die zugleich als Andachtsraum oder Konzertsaal genutzt werden kann.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheberin: Martina Vetter

Aus dem 2004 veranstalteten Wettbewerb ging das Büro des niederländischen Architekten Erick van Egeraat als Sieger hervor. Der extravagante Entwurf war indes alles andere als leicht umzusetzen, und wenn es nach dem Bauherrn, dem dem sächsischen Finanzministerium unterstehenden Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement gegangen wäre, wäre so manches ausgefallene Detail sicher nicht umgesetzt worden, um die aus dem Ruder laufenden Kosten einzudämmen und die Bauzeit zu verkürzen. Denn mitunter fanden sich für Bauteile wie die gläsernen Säulen, die wie Stalaktiten in einer Tropfsteinhöhle von der in alter Handwerkstechnik gefertigten Decke mit gotischen Spitzbögen hängen, zunächst keine Firmen, die sich an die Fertigung herantrauten.

Doch Architekt Egeraat hielt auch nach der zwischenzeitlichen Insolvenz seines Büros unbeirrt an seinem Entwurf fest und zog vor Gericht, um sein künstlerisches Urheberrecht durchzusetzen. "Ich wusste nicht, dass es das schwierigste Projekt meiner Karriere werden würde", blickt Egeraat beim Festakt zur Eröffnung zurück, "aber ich hatte eine vage Ahnung." Am Ende jedenfalls ist es ein Bauwerk geworden, das seinesgleichen sucht und dem Architekten lang anhaltenden Applaus des Publikums bescherte.

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