"Finden Sie die Rolle, die zu Ihnen passt!"

Bernd Ditter über den Dächern von Wiesbaden.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Harald Thomeczek

Wer ab und an eine Veranstaltung in der Immobilienbranche besucht, weiß, dass nicht jeder Redner mit Vortragstalent gesegnet ist. Die gute Nachricht: Ein gelungener Vortrag ist das Produkt gezielter Arbeit. Bernd Ditter hilft allen, die Rhetorik und Körpersprache optimieren wollen, in Seminaren und Coachings auf die Sprünge.

Immobilien Zeitung: Herr Ditter, Netzwerken gilt in der Immobilienbranche als das A und O für den geschäftlichen Erfolg. Darum wimmelt es auch nur so von Veranstaltungen, auf denen Kontakte geknüpft und gepflegt werden können. Damit das funktioniert, braucht es einen Rahmen aus Vorträgen und Diskussionen. Manchmal wundert man sich, wie wenig Vortragstalent Menschen selbst in hohen Positionen besitzen. Haben Sie für unsere Leser eine Handvoll Tipps und Tricks parat, wie ein solider Auftritt gelingt?

Bernd Ditter: So funktioniert das nicht. Ich wehre mich dagegen, Tipps abzugeben. Es gibt keine Regeln, deren Befolgung automatisch eine gute Rede und einen wirkungsvollen Auftritt garantieren würden.

IZ: Der Teufel steckt also im Detail? Und nur die Übung macht den Meister?

Ditter: So ungefähr. Vor allem aber: Es geht nicht darum, eine Rolle zu spielen, sondern die Rolle zu finden, die zu einem passt. Nur wer herausfindet, welche Rolle ihm persönlich auf den Leib geschrieben ist, wird sein Publikum für sich einnehmen. Ein kleines Beispiel: Bei manchen Menschen stört es überhaupt nicht, wenn sie öfter "Äh" sagen - auch wenn es sonst immer heißt, dass das ein lästiges, den Sprachfluss unterbrechendes Füllwort ist, das man tunlichst vermeiden soll. Besagte Menschen hinterlassen trotz - oder eigentlich gerade wegen! - des einen oder anderen Ähs einen nachhaltigeren Eindruck bei ihren Zuhörern als z.B. die geschliffene Rede eines klassischen Verkäufertypus. Ähs können nämlich signalisieren, dass ich meine Gedanken beim Sprechen entwickle; das wirkt authentisch.

IZ: Mich wundert, dass oft solche Redner auf der Bühne ein Ausfall sind, die sonst selbstsicher wirken und locker rüberkommen.

Ditter: Einen guten Vortrag zu halten, will eben gelernt sein. Es kann vorkommen, dass jemand sein Publikum schon durch die Art, wie er aufsteht und zum Rednerpult auf die Bühne läuft, verloren hat. Schrittlänge, Schritthaltung, Schritttempo - auf all das kommt es also an, wenn ich auf die Bühne schreite. Wie stellt sich jemand ans Pult? Wie bezieht er wortwörtlich Stellung? Schafft er es, die ersten zwei Sekunden nichts zu sagen und die Blicke der Anwesenden auf sich ruhen zu lassen, um Spannung zu erzeugen? Oder schießt er, kaum, dass er die Bühne betreten hat, schon los? Und noch einmal: Nicht für jeden ist das Gleiche gut. Jeder muss lernen, genau die Mimik, Gestik oder die Handhaltung zu finden, die ihn gut aussehen lässt. Wir treffen in Sekundenbruchteilen unsere Entscheidung, ob wir jemanden gut finden. Auch in einem Personalgespräch fällt in den ersten Sekunden die Entscheidung, ob wir ihn oder sie haben wollen. Im Nachhinein suchen wir dann nach Gründen, um unsere Entscheidung zu rationalisieren. Fest steht aber: Unsere Wahrnehmung macht mit uns, was sie will.

IZ: Was ist mit der eigenen Stimme? Daran lässt sich schlecht was ändern, oder?

Ditter: Auch ein angemessenes Sprechtempo will gelernt sein. Viele reden zu schnell oder undeutlich. Das ist aber nicht gottgegeben. Natürlich kann jeder auch seine Stimme verbessern! Das Problem ist, dass eine schlechte Stimme ein Tabuthema ist wie Mundgeruch. Darum sagt mir das ja auch niemand, wenn ich eine unangenehme Stimme habe. Und genau darum kann ich sie auch nicht trainieren.

IZ: Gut möglich, dass man an der einen oder anderen Schraube drehen kann. Nuscheln oder Stottern sind aber doch naturgegeben.

Ditter: Probieren Sie es mal mit Zungenbrechern. Die trainieren die Artikulation enorm. Oder klemmen Sie sich einen Weinkorken zwischen die Zähne: Sie werden erstaunt sein, wie sauber der Strom der Sprache fließt, wenn sie den Korken wieder rausnehmen und nicht mehr an ihm vorbeiartikulieren müssen.

IZ: Tun sich jüngere Redner leichter auf der Bühne, weil heute in der Schule und im Studium mehr Wert aufs Präsentieren gelegt wird?

Ditter: Es ist nicht vom Alter abhängig, ob jemand eine gute Rede hält. Und lernfähig ist man da sowieso immer.

IZ: Geben Sie meinen Lesern zum Schluss bitte wenigstens ein paar technische Tipps mit.

Ditter: Das Manuskript z.B. sollte man nie ausformulieren. Stichpunkte genügen völlig. Aus denen können, ja sollen Sie in der Vortragssituation Ihre Rede stricken. So verhindern Sie, dass Sie sich im Vorhinein zu sehr festlegen - und während des Vortrags nur noch bemüht sind, das Manuskript zu kopieren. Extrem wichtig ist ein guter Schlusssatz, der als solcher erkennbar ist und haften bleibt. Den sollten Sie sich natürlich im Vorhinein überlegen.

IZ: Noch mehr praktische Tipps auf Lager?

Ditter: Wenn Sie Karteikarten benutzen, sollten diese die gleiche Farbe haben wie die Kleidung, die Sie tragen: Wenn Sie z.B. ein rosafarbenes Hemd anziehen wollen, sollten Sie dazu rosafarbene Karten wählen - die nimmt man dann nicht wahr. Es wird so wirken, als würden Sie die Rede völlig frei halten. Die Karten sollten außerdem mindestens 160 Gramm pro Stück wiegen - sonst raschelt das Papier so in der Hand. Nummerieren Sie die Karten, damit im Eifer des Gefechts nie die Ordnung verloren geht. Und der letzte Satz einer jeden Karte sollte der erste Satz der nächsten Karte sein, damit Sie nicht erst die Karten tauschen müssen, um zu wissen, wie es weitergeht.

IZ: Was, wenn plötzlich der Faden reißt?

Ditter: Gewinnen Sie Zeit! Fassen Sie z.B. das Gesagte zusammen oder richten Sie gezielt Fragen an die Zuhörer, die von Ihrer eigenen vorübergehenden Desorientierung ablenken - und wenn es nur die Frage ist, ob mal das Fenster aufgemacht werden soll.

IZ: Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Harald Thomeczek.

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