Achtung, Disruptoren!

Die Immobilienbranche läuft Gefahr, die Fehler der Autoindustrie zu wiederholen. Sie hat es verlernt, Begierden zu wecken und Bedürfnisse ernst zu nehmen, meint Carsten Loll, Partner bei Linklaters.

Carsten Loll.

Der Immobilienbranche geht es viel zu gut. Vielleicht braucht man ja immer erst eine Krise, damit sich Firmen besser aufstellen. Wir konnten das an der deutschen Automobilindustrie beobachten, die sich mit satter Arroganz auf dem Höhepunkt ihres Exporterfolgs durch den Dieselskandal extrem angreifbar gemacht hat - umso mehr, als sie gleichzeitig den Zukunftstrend E-Mobilität fast komplett verschlafen hat.

Währenddessen revolutionieren Betreiberfirmen wie WeWork oder WeLive, üppig ausgestattet mit Kapital von der Börse, die Arbeitswelt. Projektentwickler könnten dasselbe tun: Bürogebäude betreiben wie Markenhotels und die Nutzer als Kunden behandeln. Hier können Menschen gemeinschaftlich arbeiten bzw. wohnen, die viel reisen müssen und trotzdem nicht alleine sein möchten.

Doch solche disruptiven Konzepte werden von den klassischen Entwicklern weitgehend ignoriert. Und die Bauträger ziehen immer noch die gleichen kistenförmigen Wohnblocks hoch wie schon vor 20 Jahren. Ohne darauf einzugehen, dass viele Menschen heute vielleicht anders wohnen oder andere Häuserformen sehen möchten. Das wird sich rächen, wenn es einen Anbieter gibt, der diese Bedürfnisse ernst nimmt und befriedigt. Ich prophezeie: Eines nicht mehr allzufernen Tages wird ein Branchenfremder dieses Thema angehen. Möglicherweise ein IT-Entwickler, der keine Wohnung für seine Bedürfnisse findet. Es gibt nämlich viele Menschen, die nicht voneinander abgeschottet in Apartmentanlagen oder Reihenhäusern leben möchten, sondern z.B lieber in dorfähnlichen Strukturen, zusammen mit Freunden und anderen Familien in einer kleinen Gemeinschaftseinheit mit von allen genutzten Außenflächen und Innenräumen.

Würde die Immobilienbranche diesem Bedarf mit dem entsprechenden Angebot entgegenkommen, ließen sich sicherlich gute Geschäfte machen. Aber zurzeit beschränkt sie sich allein darauf, den Grundbedarf an einem Dach über dem Kopf zu befriedigen. Momentan reicht das ja auch. Die Nachfrage ist so stark, dass die Menschen Wohnungen kaufen, die sie nicht einmal schön finden und die sie niemals wirklich lieben werden.

Die Branche hat es entweder verlernt, Produkte zu entwickeln, die bei den Menschen den Wunsch nach "Haben wollen" weckt, oder sie bemüht sich nicht genug. Am Büromarkt beobachte ich Ähnliches: Es werden keine Räume geschaffen, die in den Menschen den Gedanken wecken "Hier will ich arbeiten". Eines Tages wird es solche Immobilien am Markt geben. Ich bezweifle aber, dass die Idee dazu aus der Immobilienbranche kommt, und vielleicht sind die Branchenfremden ja auch schon auf dem Weg dorthin.

Zurück zur Startseite