Mehr Mut zum Digitalexperiment

Start-up-Spezialist Fabian Heilemann (rechts) erläutert gegenüber Manfred Köhler (F.A.Z.), wie weit Deutschland beim Wagniskapital hinterherhinkt.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Ulrich Schüppler

Damit die Digitalisierungsdiskussion nicht zur Bauchnabelschau gerät, diskutierten auf dem GEG Investors' Day ein Wagnisfinanzierer, ein Sportmanager, ein Networking-Spezialist und ein Personalberater. Die stellten fest: Neben mehr Breitband und Wagniskapital braucht es einen Kulturwechsel.

Mittlerweile scheint sich unter Immobilienprofis die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass die Branche ihre Digitalisierung nicht alleine den Proptechs überlassen kann (siehe: "Gestandene Manager zu Besuch im Start-up-Zoo"). Um dennoch nicht den Tunnelblick zu bekommen, diskutierte Manfred Köhler, Chef der regionalen Wirtschaftsredaktion bei der F.A.Z., auf dem GEG Investors' Day in Frankfurt mit vier Führungskräften, die gar keinen direkten Bezug zur Immobilienbranche haben. Allerdings sind alle in ihren jeweiligen Bereichen täglich mit den Auswirkungen der Digitalisierung konfrontiert. Neben mangelnden Investitionen in digitale Infrastruktur und schlechtem Zugang zu Wagniskapital identifizierten sie vor allem kulturelle Faktoren als Hemmnisse für mehr digitale Experimente.

Ausruhen dürfe sich die Immobilienbranche keinesfalls. "Was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert werden", ist sich Fabian Heilemann sicher. Der 35 Jahre junge Selfmade-Millionär gründete 2009 mit seinem Bruder eine Gutschein-Plattform, die er zwei Jahre später an den Internetriesen Google verkaufte. Die Zeit, in der es möglich war, US-amerikanische digitale Geschäftsmodelle einfach zu kopieren, ist jedoch vorbei, sagt Heilemann, der inzwischen versucht, mit der Plattform FreightHub die Logistikbranche aufzumischen.

Gute Geschäftsideen haben es laut Heilemann hierzulande jedoch schwer, über die anfängliche Finanzierungsrunde hinauszukommen, die meist von vermögenden Privatleuten und spezialisierten Wagniskapitalfonds geleistet wird. "Im Bereich der Anschlussfinanzierung in Höhe von 20 Mio. bis 60 Mio. Euro sind selbst in Deutschland nur US-amerikanische und asiatische Geldgeber unterwegs", erläutert Heilemann. Eigenkapital in dieser Höhe stellen vor allem Pensionsfonds zur Verfügung, und davon gibt es durch das deutsche Umlagesystem bei der Rente hierzulande zu wenige. "Das ist ein struktureller Standortnachteil", bemängelt der Start-up-Spezialist.

Christian Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Deutschen Fußball Liga, sieht den größten Hemmschuh für die Digitalisierung in der schwach ausgebauten Infrastruktur. "Wir haben zu wenig Breitbandinternet, da sind wir im internationalen Vergleich weit hintendran", stellt der Sportmanager fest. Ansonsten sieht er vor allem die Gefahr, sich bei Zukunftsdiskussionen im Kreis zu drehen. "Wer nicht genau definiert, was in Bezug auf die Digitalisierung jeweils gemeint ist, der redet schnell aneinander vorbei", ist Seiferts Erfahrung, dessen Unternehmen mittlerweile einen erheblichen Teil seiner Umsätze im Onlinegeschäft erwirtschaftet.

Keine Führungskraft solle sich darauf verlassen, das Thema Digitalisierung einfach an Spezialisten abzuschieben, warnt Frank Trümper, Geschäftsführer der Baden-Badener Unternehmergespräche: "Die Diskussion gehört in den Boardroom." Christoph Zeiss, Managing Partner bei der auf Top-Management-Positionen fokussierten Personalberatung Heads!, pflichtet ihm bei: "Einen Chief Digital Officer zu berufen und zu denken, das Thema habe sich damit erledigt, ist der falsche Weg." Dennoch solle niemand erwarten, eben mal so das nächste Google zu gründen. "Dieser Zug ist abgefahren", sagt Zeiss, "es geht jetzt darum, bestehende Geschäftsmodelle zu digitalisieren." Die Einzelhandelsbranche sieht er auf einem guten Weg, die Autobranche ebenfalls, auch wenn diese viel aufzuholen habe.

Generell sehen die Diskutanten ein Problem in der deutschen Mentalität, Bestehendes lieber schrittweise zu verbessern, als den radikalen Neuanfang zu wagen. Das begünstigt die US-Amerikaner, die eher bereit sind, sich von Althergebrachtem zu trennen. Ein weiteres Defizit sieht Jungunternehmer Heilemann darin, dass es in Deutschland lange Zeit keinen Knotenpunkt der digitalen Entwicklung gegeben hat. "Digitalwirtschaft vollzieht sich nicht entlang von Ländergrenzen, sondern in Clustern", ist Heilemann überzeugt. Die USA verfügen seiner Ansicht nach über Eliteuniversitäten wie z.B. Stanford über gewachsene "digitale Ökosysteme", die die besten Talente anziehen. In Deutschland etabliere sich ein solches Ökosystem gerade, und zwar in der deutschen Hauptstadt. "Vor drei Jahren flossen noch 50% der Investorengelder für Start-ups nach Berlin, heute sind es 60% bis 70%", schätzt Heilemann. Neben dem Kapital seien niedrige Lebenshaltungskosten und ein ansprechendes Nachtleben Faktoren, die junge Digitalspezialisten anlocken. Das erntet die Zustimmung von Personalberater Zeiss: "Gute Leute wollen einen Mikrokosmos erleben."

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