Die Bauwirtschaft verpasst ihre digitale Zukunft

Vom Plan bis zum fertigen Gebäude aus dem 3DDrucker wird alles digital gefertigt, würden alle Baubeteiligten BIM nutzen. Das tun sie aber nicht.
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Kein Know-how, keine Fachleute. Kein Wunder, dass in der Baubranche der Einstieg ins Digitalzeitalter nicht vorankommt. Der Druck auf die Firmen wächst, auch seitens der Auftraggeber.

Die Leute vom Bau haben viel zu tun. Im Hoch- und Tiefbau sind die Auftragsbücher zum Bersten voll, die Kapazitäten sind bis weit in die Zukunft ausgelastet. Mit ihren geplanten Milliarden-Programmen zugunsten der Infrastruktur heizen Bund und Kommunen die Branchenkonjunktur noch weiter an.

Klingt alles bestens. Wenn da nur nicht die Digitalisierung wäre. Sie ist ein Kernproblem der Branche. Das stellen drei Studien unabhängig voneinander fest.

Für Studie Nummer eins untersuchte die Förderbank KfW mehr als drei Millionen kleine und mittelständische Betriebe. Lediglich ein Viertel von ihnen führte in den vergangenen Jahren erfolgreich digitale Technologien und Prozesse im Unternehmen ein. Vorne dabei sind Medien- und IT-Dienstleister sowie Beratungsunternehmen. Der Bau steht hintenan. "Im Baugewerbe spielen Digitalisierungsprojekte kaum eine Rolle", schreibt die KfW.

Auffällig finden die Banker z.B., dass kleine und mittlere Baufirmen deutlich seltener als andere Mittelständler ihre Hard- und Software erneuern. Entsprechend geben sie weniger Geld für die Technik aus. Durchschnittlich 8.000 Euro (Stand 2016) werden im Jahr investiert. Das verarbeitende Gewerbe kommt auf Beträge zwischen 36.000 und 75.000 Euro jährlich.

Die Berater von PwC und EY schlagen in zwei umfragebasierten Studien Alarm. EY wollte von rund 2.000 mittelständischen Unternehmen verschiedener Branchen wissen, ob digitale Technologien ein wichtiger Teil ihres Geschäftsmodells sind. Ja sagten 35% der Energie- und Wasserversorger, die damit an der Spitze lagen. Die Ja-Sager vom Bau landeten mit einem Anteil von 15% auf dem vorletzten Platz.

PwC erklärt das digitale Manko zu einem Kernproblem, das mittelfristig das Branchenwachstum hemmen werde, und macht dies an Building Information Modeling (BIM) fest. BIM, das digitale Planen, Bauen und Betreiben von Immobilien, verspricht Kosten- und Zeitersparnis. Konsequent eingesetzt, brächte die BIM-Methode dem Bau nach PwC-Rechnung ein Wachstumsplus von 3 Prozentpunkten pro Jahr - zusätzlich zum ohnehin bis 2020 erwarteten Wachstum von durchschnittlich 2,9% p.a.

Darüber hinaus könnte der Wirtschaftszweig mit Hilfe von BIM seine Produktivität verbessern. Bei dieser Leistungskenngröße schneidet die Branche traditionell schlechter ab als andere: Während technologisch affine IT- und Kommunikationsfirmen ihre Leistungsfähigkeit in den vergangenen Jahren um ein Viertel gesteigert hätten, verzeichne der Bau einen Zuwachs von lediglich 2,8%, schreiben die Berater.

Es ist ja nicht so, dass Baumanager BIM generell ablehnen. In der nicht repräsentativen Umfrage unter 100 Führungskräften fand PwC heraus, dass die meisten von ihnen durchaus Vorteile des digitalen Arbeitsvehikels sehen, etwa Termin- und Kostentreue sowie reibungslosere Abläufe zwischen den Gewerken. Trotzdem gab nur ein Zehntel an, BIM in der Praxis zu nutzen. Hohe Investitionskosten und das erforderliche Know-how bzw. dessen Fehlen blockieren das Einführen der digitalen Methode.

Die Berater glauben, die Bauwirtschaft riskiere ihre digitale Zukunft. Und wer die Realität ignoriere, habe es künftig schwer, Aufträge zu ergattern. Die öffentliche Hand fordert z.B. in Vergabeverfahren zunehmend den Einsatz von BIM. Von 2020 an wird es für alle Infrastrukturprojekte des Bundes verbindlich sein. Im Hochbau erklärte das Bundesbauministerium voriges Jahr BIM zum Standard bei öffentlichen Projekten von 5 Mio. Euro an aufwärts.

"Aufseiten der Auftraggeber gab es lange Zeit eingefahrene Strukturen. Die Firmen haben BIM im Ausland eingesetzt, in Deutschland war es nicht gewollt. Das ändert sich gerade", sagt der Sprecher des Hauptverbands der Bauindustrie, Heiko Stiepelmann. Außerdem erhöhe die Personalknappheit in den Betrieben den Druck, digitale Prozesse zu installieren. Diese werden das Arbeiten auf den Baustellen tiefgreifend verändern. Wie weit das in der Praxis gehen wird, will die Branche im Projekt Baustelle 2030 ausloten. Themen sind u.a. der Einsatz von Robotern, von additiver Fertigung, allgemein 3D-Druck genannt, und Drohnen.

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