Wenn die Stadt zum Donut wird

Thomas Sevcik erklärt, warum die Stadt der Zukunft eine Ringstruktur haben könnte - wie ein Donut.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Ulrich Schüppler

Auf dem Summit des Urban Land Institutes (ULI) gingen die Meinungen der Experten darüber auseinander, wie viel Smart City wünschenswert ist. Die Rolle der Innenstadt verschiebt sich derweil Richtung Themenpark, unabhängig von technischen Spielereien.

Die Idealvorstellung der auf dem Reißbrett geplanten Stadt gehört für Thomas Sevcik der Vergangenheit an. Der gelernte Architekt und Chef der Züricher Strategieberatung arthesia erinnert in seinem Vortrag auf dem Treffen des ULI an die kühnen Ideen der Vergangenheit: Städte, die an die Residenzen der Bösewichter aus James-Bond-Filmen erinnern oder an Marskolonien. Spätestens mit der Realisierung der brasilianischen Hauptstadt Brasilia, so führt Sevcik aus, sind diese urbanen Visionen unwiederbringlich verschwunden. "Die Probleme waren offensichtlich. In solchen Städten kommt kein Stadtgefühl auf", sagt der Strategieexperte.

Erschwerend kommt hinzu, dass der städtische Raum sich anders organisiert als früher. Während das Geld zunehmend im Speckgürtel um die eigentliche Stadt verdient werde, mutieren die Zentren laut Sevcik zu Erlebniszonen für Touristen. "Die Mitte der Stadt wird immer mehr zum Themenpark", fasst der Berater es zusammen. Das Ergebnis sind urbane Räume, die sich ringförmig wie ein Donut um einen für den jeweiligen Ort charakteristischen Kern legen. Städte, so ist Sevcik überzeugt, müssen diesen Raum zum Imagegewinn nutzen und sich selber als Marke begreifen, um im internationalen Wettbewerb untereinander zu bestehen. Dazu sollten sich die Planer mit den technischen Lösungen einer vernetzten Stadt, einer wirklichen Smart City, auseinandersetzen. Die Politik sieht Sevcik auf diesen Paradigmenwechsel nicht vorbereitet, er beklagt einen Reformstau in der Stadtplanung.

Das kann Korinna Thielen, Smart Cities Coordinator der Stadt München, in der anschließenden Diskussion nicht so stehen lassen. "Eine smarte Technologie macht noch keine smarte Stadt", gibt sie zu bedenken, "andererseits arbeitet selbst die smarteste Stadt mit bereits bestehenden Prozessen." Thielen leitet in München ein auf zwei Jahre ausgelegtes Pilotprojekt zur urbanen Vernetzung. Bevor sich die Planer wild auf neue Technologien stürzen, müssten sie sich ihrer Ansicht nach erst einmal darüber klar werden, welchen Zweck sie jeweils verfolgen. Die Stadtplanerin Ute Schneider, Partnerin im Büro KCAP Architects & Planers, stimmt Thielen zu: "Es geht darum, die Wirkungen auf eine bestimmte Stelle der Stadt zu definieren, und nicht darum, irgendeine Smartness über den urbanen Raum auszugießen."

Der Architekturjournalist und Buchautor Klaus Englert schließlich stellt die Frage, ob die Smart City nicht automatisch den Verlust der Kontrollhoheit über die eigenen Daten bedeutet. Vor allem asiatische Metropolen machten gerade vor, wie weit sich die Totalüberwachung im öffentlichen Raum treiben lässt, für Englert ist das eine Horrorvision. Im Westen hingegen seien viele der derzeit gepriesenen Smart-City-Projekte nichts anderes als hochtechnisierte Gated Communities. "Wir müssen die Extreme vermeiden, die zu quasi privaten Stadtgründungen führen", mahnt der Autor. Wie viel Smart City in einem gewachsenen Baubestand wünschenswert ist, darüber finden die Diskussionsteilnehmer keine Einigung. "Dazu kann ich in zwei Jahren mehr sagen", meint Thielen mit Verweis auf das Münchner Pilotprojekt.

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