Frankfurt: Wohnungsinvestoren haben seit 120 Jahren versagt

Eine Dominanz privater Investoren und mutlose Architektur prägen nach Ansicht der Diskussionsteilnehmer den heutigen Wohnungsbau in Frankfurt.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Volker Thies

Falls sich Wohnungsinvestoren inkognito unter die Gäste eines Diskussionsabends im Historischen Museum Frankfurt gemischt haben sollten, bekamen sie wenig Angenehmes für ihren Berufsstand zu hören.

Das Historische Museum und das Deutsche Architekturmuseum hatten unter dem Titel "Bezahlbares Wohnen" zu einem Meinungsaustausch geladen. Die Veranstaltung gehörte zum Rahmenprogramm einer Ausstellung über das Neue Frankfurt, das Stadtbauprogramm, das von 1925 bis 1930 den Bau von rund 12.000 Wohnungen ermöglichte. Aus den historischen Erfahrungen heraus sollte die Diskussionsrunde Strategien gegen den heutigen Wohnungsmangel in der Stadt erarbeiten.

Bis auf Marcus Gwechenberger, der das Planungsdezernat der Stadt Frankfurt vertrat, waren sich die Podiumsteilnehmer einig, dass derzeit deutlich zu wenig für die Versorgung mit Wohnraum geschieht. Neben der Verwaltung auf städtischer und übergeordneter Ebene war die Immobilienwirtschaft dabei das Hauptziel der Kritik. Architektin Aysin Ipekci, Studio Architects, formulierte dabei ihre Problembeschreibung noch am zurückhaltendsten: "Ich wünsche mir, dass erneut eine Entschiedenheit des Vorgehens wie in den 20er Jahren gefunden wird." Dazu gehöre auch, junge Architekten mit unkonventionellen Ideen Verantwortung und freie Hand zu geben und sie von vielen bautechnischen Vorgaben zu befreien, die derzeit ungewöhnliche Lösungen blockierten.

Ausrichtung auf Investoren ist beschämend

Schärfer im Ton wurde Gerd Kuhn, der an der Universität Stuttgart zu Stadtplanung und Wohnungspolitik forscht: "Der Markt versagt seit 120 Jahren regelmäßig bei der Schaffung von Wohnraum." Das gelte insbesondere für die Wohnungsversorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen. "Es ist beschämend, dass eine so große Stadt wie Frankfurt ihren Städtebau viel zu stark auf private Investoren ausrichtet. Das muss man aufbrechen", forderte Kuhn. Wie im Neuen Frankfurt seien dazu öffentliche Wohnungsbaugesellschaften das Mittel der Wahl. Allerdings müsse man diese Gesellschaften, wie die Frankfurter ABG, erst einmal wieder "zivilisieren", denn auch bei ihnen habe sich eine unangemessene Orientierung an der Erwirtschaftung von Profiten breit gemacht.

Aus Sicht von Conny Petzold, Vertreterin des Vereins Mieter helfen Mietern, hat die Stadt Frankfurt ihre Wohnungspolitik nicht nur verschlafen. Vielmehr habe sie die Bedingungen auf dem Wohnungsmarkt aktiv verschlechtert, indem sie seit Jahrzehnten verstärkt um neue Einwohner mit hohem Einkommen geworben habe. Sie erinnerte daran, dass das Neue Frankfurt durch die Enteignung von Boden und durch eine Sondersteuer auf bestehenden Immobilienbesitz ermöglicht worden sei. "Enteignungen und eine Vermögensteuer geben die heutigen politischen Kräfteverhältnisse allerdings nicht her", bedauerte Petzold.

Das derzeit Machbare hatte eher der städtische Vertreter im Blick: "Geeignete Partner für bezahlbaren Wohnungsbau sind öffentliche Wohnungsbaugesellschaften, gekoppelt mit Flächen in städtischem Eigentum", sagte Gwechenberger. Darüber hinaus nehme die Stadt private Investoren mit vorgeschriebenen Quoten geförderter Wohnungen in die Pflicht. Nur gebe es keine Handhabe für bereits überplante Grundstücke in privatem Besitz. Dort hätten die Eigentümer ein Recht auf Genehmigung ohne Sozialquote.

Architekten planen zu oft blöde Kästen

Kuhn forderte, dass öffentliches Bauland in Zukunft nicht mehr zum höchsten Preis verkauft werden dürfe, sondern ausschließlich nach dem Kriterium des größten Nutzens der geplanten Projekte für die Allgemeinheit. An private Investoren dürfe die Stadt überhaupt keinen Boden mehr verkaufen, es sei denn, wenn diese sich zum Bau ausschließlich von Sozialwohnungen darauf verpflichten. Die Architekten rief er dazu auf, nicht mehr nur "blöde, reduzierte Kästen", wie man sie überall sehe, für den Wohnungsbau zu entwerfen.

Gwechenberger erinnerte daran, dass die ABG seit einigen Jahren nur noch Mietwohnungen neu baue und dass Frankfurt inzwischen eigenes Wohnbauland grundsätzlich nicht mehr verkaufe, sondern ausschließlich in Erbbaurecht vergebe. Zudem warnte er davor, zu unüberlegt auf die derzeit populären Baugruppen zu setzen. "Was dann passieren kann, hat man in Berlin gesehen: Die Baugruppen bauen mit öffentlicher Förderung, wandeln ihre Projekte dann in Eigentumswohnungen um und verscherbeln sie teuer", sagte Gwechenberger. Deshalb achte die Stadt Frankfurt darauf, dass Baugruppen, mit denen sie zusammenarbeitet, als Genossenschaften organisiert sind.

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