ZEW-Studie stellt dem Bau ein digitales Armutszeugnis aus

Im Rahmen der Forschungsinitiative Zukunft Bau hat das Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW die Digitalisierungsbemühungen der Bauwirtschaft unter die Lupe genommen. Mehr als die Hälfte der Branchenunternehmen sehen demnach gar keine Notwendigkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Building Information Modeling (BIM) gilt als das Wundermittel, um die Bauwirtschaft fit fürs 21. Jahrhundert zu machen. Dieter Babiel, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, nannte vergangene Woche auf der BIM World in München eine ganze Reihe von Problemen, die damit alle gelöst werden könnten: Das Einbinden von Immobilien in die Kreislaufwirtschaft, die Übertragung von gefährlichen oder körperlich anstrengenden Tätigkeiten an Maschinen, die Erhöhung der Attraktivität der Bauwirtschaft als Arbeitgeber und nicht zuletzt eine Erhöhung ihrer Produktivität.

Die Bauindustrie hat ein Produktivitätsproblem

Dass es beim letztgenannten Punkt deutliches Verbesserungspotenzial gibt, geht aus der Studie Zukunft Bau des ZEW hervor, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach betrug der reale jährliche Zuwachs der Arbeitsproduktivität je geleisteter Erwerbstätigenstunde in der Baubranche zwischen 1998 und 2015 gerade mal 0,12%, in der Gesamtwirtschaft waren es 1,12%. Die schwache Produktivitätsentwicklung am Bau ist zwar durchaus ein internationales Phänomen, in anderen europäischen Ländern hat die Bauindustrie im gleichen Zeitraum sogar an Produktivität eingebüßt. Ein Grund zum Ausruhen sollte das allerdings nicht sein.

Doch 52% der deutschen Bauwirtschaft inklusive der Planungsunternehmen sehen immer noch keinen Bedarf, gezielt Digitalisierungsprojekte umzusetzen. Gerade den kleinen Betrieben, von denen es in Deutschland unter Bauunternehmen und Architekten besonders viele gibt, fänden einfach nicht die Zeit, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen, stellt die Studie fest. Zudem werde Digitalisierung von vielen Bauunternehmen nicht notwendigerweise mit BIM gleichgesetzt. Stattdessen feiern die Firmen schon vergleichsweise kleinteilige Maßnahmen wie den Einsatz eines Kalkulationsprogramms oder eines digitalen Fahrtenschreiben als Innovationsschub. Damit bleibt noch viel Potenzial ungenutzt: Eine stärkere technische Standardisierung könnte dabei helfen, Prozesse zwischen den Beteiligten eines Bauprojektes viel stärker als bisher zu automatisieren. Gerade die kleineren Gewerke hätten dadurch die Möglichkeit, deutlich effizienter zu werden.

So lange die Auftragsbücher voll sind, ist der Änderungsdruck gering

"Die seit Jahren anhaltende gute konjunkturelle Lage im Baugewerbe scheint jedoch die Anpassungsschritte in Richtung Digitalisierung bisher in den Hintergrund gedrängt zu haben", schreiben die ZEW-Studienautoren Irene Bertschek, Thomas Niebel und Jörg Ohnemus. Von der Politik fordern sie mehr Richtlinien und Standards, um die Bauwirtschaft stärker in Richtung Digitalisierung zu lotsen. Schulungsprogramme, Investitionszuschüsse und ein flächendeckender Breitbandausbau könnten ebenfalls helfen, die Baubranche für mehr Digitalisierung zu begeistern. Am Ende ist es aber im Interesse jedes Einzelnen, sich zukunftsfit zu machen. Denn Unternehmen, die ihre Prozesse digitalisiert haben, würden im Falle einer Krise wesentlich besser dastehen als solche, die das versäumt haben.

Die vollständige Studie ist auf der Webseite des ZEW verfügbar.

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