Frühjahrsgutachten sieht Politik als größtes Problem

Die Immobilienweisen und ZIA-Präsident Andreas Mattner (4.v.l.) übergeben Staatssekretär Marco Wanderwitz (CDU) das Frühjahrsgutachten.
Quelle: ZIA, Urheber: Ulf Büschleb

Die Bauwirtschaft brummt, die Zinsen sind niedrig, die Nachfrage ist noch hoch. Die Autoren des Frühjahrsgutachtens der Immobilienwirtschaft mussten sich ganz schön strecken, um echte Risikofaktoren für die Branche auszumachen. Fündig wurden sie in den Parlamenten und Parteistuben.

Die Auftragsbücher der Bauunternehmen sind prall gefüllt, die Nachfrage nach Wohnraum, Büros und auch Logistikimmobilien ist hoch, die Zinsen niedrig. Und nicht einmal geopolitische Risikofaktoren wie der Handelskrieg zwischen USA und China oder der schwächelnde Welthandel vermögen es, einen allzu dunklen Schatten auf die Immobilienwirtschaft zu werfen. In ihrem Frühjahrsgutachten prognostizieren die Immobilienweisen der Branche weiterhin gute Geschäfte auf hohem Niveau. Wäre da doch bloß nicht die deutsche Politik, die sich immer stärker zum Unsicherheitsfaktor entwickele.

"Sozialistische Mottenkiste"

"Politik aus der sozialistischen Mottenkiste" beklagen Lars Feld und Patrick Hirsch im ersten Teil des insgesamt 267 starken Frühjahrsgutachtens der Immobilienwirtschaft mit Blick auf die politische Kommunikation rund um den Wohnungsmarkt. "Im Jahr 2019 hat sich die Wohnungsdebatte zunehmend emotionalisiert und ideologisiert", erklären sie. Kaum ein gutes Haar lassen sie am Vorstoß der SPD für eine neue Bodenwertzuwachssteuer. Die berge die Gefahr, zum kommunalen Verwaltungsalbtraum zu werden.

Forderungen nach Enteignung und Regulierung aus Teilen der Bevölkerung folgten politische Donnerschläge wie Mietendeckel und Mietpreisbremse. Die Autoren des Frühjahrsgutachtens sehen darin "Maßnahmen zur vermeintlichen Linderung der Symptome, die aus einer geänderten Nachfragesituation auf der einen und einer verfehlten Wohnungspolitik der vergangenen Jahre auf der anderen Seite resultieren". Oder kurz: Die Politik hat es verbockt - und verbockt es auch weiterhin.

Im Frühjahrsgutachten wird daher für eine laxere Politik plädiert. "Es müssten Regulierungen abgebaut, Planungs- und Genehmigungskapazitäten aufgebaut und deutlich mehr Bauland ausgewiesen werden. Man sollte sich auf die Fähigkeiten des Markts und die Knappheitssignale von Preisen verlassen."

Gute Chancen im Umland

Dem Stichwort Preissignale widmen sich die Immobilienweisen in diesem Jahr erstmals auch im Hinblick auf die Entwicklung der ländlichen Regionen. Teil der aktuellen Entwicklungen in den Metropolen sei die Verlagerung der Nachfrage aus den großen Städten hinaus, die sich mit einem steigenden Preisdruck im Umland und in eher ländlichen Regionen bemerkbar mache. Den dort schlummernden Potenzialen für die Immobilienwirtschaft gehen Carolin Wandzik und Daniel Hofmann vom Gewos Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung nach. "Gute Investitionschancen für Wohnimmobilien zeigen sich in ländlichen Kreisen mit wachsender Nachfrage und angespannten Wohnungsmärkten sowie einer wirtschaftlich stabilen Entwicklung", erklären sie.

Politische Fehlleistungen werden im Gutachten nicht alleine mit Blick auf Wohnimmobilien kritisiert. Die Wirtschaftsweisen sehen die Gefahr, dass in angespannten Märkten, in denen unterschiedliche Nutzungsarten um Flächen buhlen, zu oft der falsche Weg beschritten wird. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatten zum Wohnraummangel bekomme etwa "das immerwährende stadtentwicklungspolitische Gebot nach Ausgleich aller städtischen Funktionen eine stark einseitige Gewichtung", wird im Abschnitt zum Markt für Büroimmobilien festgestellt. Mit Blick auf Logistikimmobilien wird gewarnt, die Stadtentwicklung dürfe nicht zu oft einseitig zugunsten "gesellschaftlich akzeptierter Nutzungstypologien" ausgerichtet sein.

Fachkräfte auf dem Bau dringend gesucht

Der Wohnimmobilienmarkt bräuchte also mehr Raum, Büros und Logistik ebenso. Die Antwort auf eine Frage bleibt das Frühjahrsgutachten dabei aber schuldig. Würde mehr Bauland ausgewiesen, wer sollte es denn bebauen? Schließlich analysieren die Immobilienweisen in ihrem Gutachten, dass es neben den politischen Unwägbarkeiten noch ein weiteres Problemfeld gibt: den Fachkräftemangel in der Bauwirtschaft. 147.000 offene Stellen im Baugewerbe gebe die Statistik her, ein neuer Rekord. Jede zehnte offene Stelle in Deutschland ist auf dem Bau verortet.

Die Immobilienweisen überreichten das Frühjahrsgutachten auf der heutigen Pressekonferenz des Verbands Zentraler Immobilien Ausschuss (ZIA) in Berlin Marco Wanderwitz (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bauministerium von Horst Seehofer (CSU), als Denkanstoß. Wanderwitz (Dritter von rechts auf dem Bild oben) bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit, sich explizit Immobilienfragen zu widmen. Er gibt nämlich in Kürze seinen Posten bei Seehofer auf, um neuer Ostbeauftragter der Bundesregierung zu werden.

Das Frühjahrsgutachten Immobilienwirtschaft 2020 gibt es auf der Seite www.iz-shop.de online zum kostenfreien download.

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