Art-Invest und ECE wagen den Schritt nach London - gemeinsam

Brexit hin oder her - den Londoner Wohnungsmarkt halten Art-Invest und ECE für attraktiv.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Thomas Porten

Im Joint Venture haben sich Art-Invest und ECE ein Entwicklungsgrundstück in zentraler Londoner Lage gesichert. Für beide Unternehmen markiert der Kauf den Eintritt in den britischen Immobilienmarkt. Weitere Projekte sollen folgen.

Markus Wiedenmann, Chef der Art-Invest-Gruppe, hat nicht einen guten Grund, ausgerechnet mitten im Brexit-Chaos Geld in eine eigene Niederlassung und ein Projekt auf der Insel zu investieren - er kann dafür sogar deren vier aufzählen: "Die Einstiegspreise sind aufgrund der politischen Unsicherheit derzeit günstiger als früher, auch der niedrige Pfundkurs bietet Vorteile. Wer in London Geschäfte machen möchte, muss auf Chancen, die sich bieten, schnell reagieren können, Strukturen und Kapital müssen bereitstehen. Das geht nur mit einer eigenen Präsenz. Und egal, ob der Brexit kommt oder nicht, wird London das wichtigste europäische Gateway für globales Kapital bleiben. Allein aus diesem Grund ist es sinnvoll, an diesem Standort gut vernetzt zu sein. Mit Ali Abbas haben wir dafür einen idealen Managing Partner als Niederlassungsleiter gefunden."

Der Verunsicherung vieler Investoren mit Blick auf die weitere Entwicklung Großbritanniens verdankte Art-Invest auch die Gelegenheit, Starwood Capital für 30 Mio. GBP das Grundstück an der Cleveland Street im Londoner Stadtviertel Fitzrovia, Bezirk Westminster, abzukaufen. Kapitalpartner für die Entwicklung des Apartmentkomplexes mit einem Endwert von ca. 190 Mio. GBP ist ein weiterer nicht ganz unbekannter deutscher Entwickler und Asset-Manager: ECE.

Beide Unternehmen investieren in das Vorhaben zunächst ausschließlich eigenes Geld. Dritter im Bunde ist der britische Entwickler Dukelease, der ebenfalls am Projekt beteiligt ist und sich um Konzeption, Bauausführung und Vertrieb kümmert.

Art-Invest und ECE sehen das Projekt 101 on Cleveland Street vor allem als Gelegenheit, erste Praxiserfahrungen auf dem britischen Immobilienmarkt zu sammeln. Dass die Entwicklung von 88 Luxus-Eigentumswohnungen (plus 15 bezahlbare Einheiten) zu den eigentlichen Zielen, die beide Unternehmen in Großbritannien verfolgen, nicht hundertprozentig zusammenpasst, nehmen sie dabei mit Blick auf die Lagequalität gern in Kauf.

Art-Invest plant, die Erkenntnisse aus der Steuerung des Wohnprojekts anschließend in ihrem eigentlichen Kerngeschäft, der Entwicklung von Büros und Hotels, auf der Insel einzusetzen. "Von Bestand bis zur spekulativen Projektentwicklung ist alles denkbar", sagt Wiedenmann. Wie groß das Rad werden soll, dass Art-Invest künftig auf der Insel drehen will, sagt er nicht. "Wir haben keinen Kaufdruck. Wenn sich etwas anbietet, können die Volumina auch größer werden, aber ein festes Ziel gibt es nicht."

Der ECE geht es bei ihrer Beteiligung an 101 on Cleveland Street um den Aufbau von Knowhow am britischen Wohnungsmarkt. Für Henrie Kötter, Chief Investment Officer der ECE, ist die Vermietung und der Betrieb von Apartmentanlagen in Großbritannien ein "sehr interessantes Segment".

Rund 1,5 Mrd. Euro Bau- bzw. Projektvolumen hat die ECE aktuell jenseits ihres traditionellen Kerngeschäfts Shoppingcenter in Arbeit, allerdings fast alles davon in Deutschland. Daher sondiert der Hamburger Immobilienriese schon seit längerem verschiedene ausländische Märkte, um die eigenen Aktivitäten breiter zu diversifizieren. Wie Wiedenmann ist Kötter davon überzeugt, die Unsicherheiten rund um den Brexit gerade jetzt für "besondere antizyklische Chancen" nutzen zu können.

Besonders hat es ihm der Markt für Neubau-Mietwohnungen angetan. "Die Nachfrage nach serviceorientiert gemanagten Wohnanlagen wächst, und die ECE kann hier ihr Betreiber-Know-how gut einbringen." Erstes Ziel sei es, unterschiedliche Produkte zu entwickeln, um den britischen Wohnungsmarkt zu verstehen und Erfahrungen zu sammeln. Daher ruft Kötter derzeit auch kein festes Investitionsziel für die kommenden Jahre aus. "Wir möchten lernen und darauf aufbauend eine Strategie entwickeln."

Mit bescheidenen Ambitionen sollte man diese Zurückhaltung aber nicht verwechseln. Für einen rentablen Betrieb müssen die Apartmentanlagen, die die ECE sich an mehreren Standorten auf der Insel vorstellen kann, jeweils mindestens 250 Wohneinheiten bieten - dazu Concierge- und Reinigungsservice sowie Gemeinschaftseinrichtungen. In den USA und Kanada besitzt die ECE-Eigentümerfamilie Otto bereits mehrere ähnlich konzipierte Anlagen. Die günstigste der frei finanzierten Eigentumswohnungen in 101 on Cleveland Street soll 1,2 Mio. GBP kosten. Wie so oft im Falle von Luxusapartments, die in der britischen Hauptstadt entwickelt werden, werden die Wohnungen zuerst Kapitalanlegern in Fernost angeboten. JLL präsentierte das Vorhaben im Mai ersten Interessenten in Hongkong, Shenzen, Shanghai und Peking. In einer späteren Phase will Dukelease auch Eigennutzer ansprechen. Für die Vermarktung ist noch viel Zeit, die Fertigstellung ist erst für 2021 angesetzt.

Wie sich bis dahin die Londoner Preise für Luxuswohnungen entwickeln, steht in den Sternen. Aktuell ist das Klima für die Vermarktung besonders teurer Wohnungen und Häuser in London, glaubt man lokalen Medienberichten, um einiges rauer geworden als noch vor einigen Jahren.

Bloomberg meldete im Mai den tiefsten Preissturz bei Luxushäusern "seit Dekaden". Schuld daran seien verschärfte Maßnahmen gegen Geldwäsche, Diskussionen über Steuererhöhungen, eine Flut neuer Bauprojekte und, natürlich, der Brexit. Die Daily Mail zählt in ihrer Reportage über "Londoner Geistertürme" zahlreiche Luxusprojekte auf, die sich bei der Vermarktung ihrer Wohnungen zu Preisen ab 1,2 Mio. GBP schwer tun, da die Kunden aufgrund der Marktabkühlung hohe Rabatte fordern.

Wiedenmanns grundsätzlichen Glauben an die Attraktivität des Londoner Immobilienmarkts können solche Geschichten nicht erschüttern. "Sobald die politische Sicherheit wiederhergestellt ist, wird sich das auch in den Preisen niederschlagen. Und das wird Großbritannien auch schaffen, früher oder später. Bis dahin sind wir flexibel genug, um uns auf alle Entwicklungen einzustellen." Sein Joint-Venture-Partner Kötter sieht das genauso: "Wir glauben an die fundamental positive Marktentwicklung."

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