"Wir sind die Lösung des Problems"

Andreas Mattner vergangene Woche beim ZIA-Mobilitätstag in Hamburg.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Friedhelm Feldhaus

Andreas Mattner lobt Hamburg als bundesweites Vorbild für ausreichenden Wohnungsbau. Das Superwohngeld ist für den ZIA-Präsidenten die rasche Lösung zur Schaffung bezahlbaren Wohnraums auch für die Mittelschicht. Und der brüchige soziale Friede ist kein Grund, vom bisherigen Kurs abzuweichen.

Immobilien Zeitung: Die Ministerien haben gerade zum Wohnungsbau getagt und nichts entschieden. Was sollen sie entscheiden?

Andreas Mattner: Wie man entscheiden kann, zeigt Hamburg. 2011 die Zielstellung, 6.000 Wohnungen zu bauen, ab 2016 dann 10.000. Und der Beweis ist erbracht: Es wird nicht nur genehmigt, sondern auch gebaut. Man hat früh die Entscheidungen gebündelt sowie zentralisiert und in die Hände gespuckt. In Hamburg sind die Mieten nicht so stark gestiegen wie andernorts mit weniger wirksamen Wohnungsbauprogrammen.

IZ: Welchen Weg zum bezahlbaren Wohnen favorisieren Sie im Moment?

Mattner: Es gibt für die Zeit, bis genug gebaut ist, eine Option, die wir Superwohngeld nennen. Es gab früher die Fehlbelegungsabgabe. Die könnte man umlenken in die Subjektförderung, um diejenigen zu finanzieren, die sich Wohnungen nicht leisten können.

IZ: Das ist jetzt kein ganz neues Modell.

Mattner: Aber ein bewährtes, das modifiziert schnell anwendbar wäre. Bauen dauert und wir werden in fünf Jahren aufwachen und eher zu viel Eigentums- und Sozialwohnungen vorfinden, aber zu wenige Wohnungen für breite Schichten der Bevölkerung - für die Polizisten und Krankenpfleger, die in die Stadt müssen und keine Wohnung mehr finden. Da gibt es Automatismen, die inzwischen viel zu starr sind. In mehreren Kommunen gibt es etwa den Drittelmix. Damit der Investor das Drittel Sozialwohnungen finanzieren kann, baut er ein Drittel Eigentumswohnungen. Das war vielleicht richtig, muss aber jetzt angepasst werden. Wir müssen viel dosierter arbeiten. Das Superwohngeld hätten wir mit den 500 Mio. Euro für die Sonder-AfA finanzieren können. Man hätte auch die 2 Mrd. Euro für das Baukindergeld nehmen können. Allein mit diesen Mitteln hätte sich das Wohngeldbudget verdoppeln können. Dazu ließen sich die Einkommensgrenzen hochsetzen, um breiter fördern zu können.

IZ: Nehmen Sie als Lobbyverband Rücksicht auf die Systemkritik von links und von rechts, die sich auch in den Diskussionen um bezahlbares Wohnen spiegelt? Bald sind Wahlen in drei östlichen Bundesländern.

Mattner: Die Schaffung von neuem Wohnraum lässt sich nur mittelfristig lösen. Und die Karre steckt bereits ein Stück weit im Dreck. Soll ich dann hingehen und all das, was ich als vernünftig erkenne, nicht tun, selbst wenn es lange dauert? Das ist die Gretchenfrage, vor der auch Gerd Schröder stand, als er die Agenda 2010 eingeführt hat. 2010 ist nahezu unbestritten die Ursache, warum es uns in den letzten zehn Jahren auf dem Arbeitsmarkt besonders gut ging. Klar ist: Wenn wir Maßnahmen fordern, dann müssen wir sie um des Erfolgs willen proklamieren und nicht um der Effekthascherei im Vorfeld von Wahlen. Glaubwürdigkeit geht eben vor.

IZ: Ihr Job als Lobbyist ist es, möglichst die Ressourcen der anderen in Anspruch zu nehmen, damit es Ihrer Branche gut geht. Ist es nicht langfristig klug, für die Stabilisierung des politischen Systems aktiv zu werden?

Mattner: Das ist ohne Frage ein wichtiges, übergeordnetes Thema. Aber wir haben ein mindestens ebenso bedeutendes Thema mit Fridays for Future und dem Klimaschutz. Und da brauchen wir uns nicht zu verstecken. Die CO2-Reduktion - das erkennt jeder Schüler - hat sich in unserem Sektor mustergültig entwickelt. Wir haben es verpasst, obwohl wir insgesamt Gutes leisten, als ein wichtiger Teil der Stadtentwicklung wahrgenommen zu werden. Und wir müssen deutlich machen: Die Masse unserer Unternehmen bemüht sich, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

IZ: Also schlechte PR?

Mattner: Wir sind da vielleicht zu spät aufgewacht. Da kommen wir wieder zu der Schwarze-Schafe-Diskussion. Ich bin überzeugt, dass wir nicht überdurchschnittlich mehr schwarze Schafe haben als andere Branchen. Das ist klar. Die hat es früher auch gegeben, die haben auch nicht zugenommen. Aber weil es einen Mangel gibt, sind wir plötzlich viel stärker in den Fokus geraten - auch in den von Medien, die seit zwei Jahren zur Primetime eine Familie zeigen, die rausmodernisiert wird. Das sind schlimme Einzelfälle. Keine Frage. Wir haben etwas spät damit angefangen, darzustellen, dass wir die Lösung des Problems sind und nicht die Ursache. Wir haben das beim Tag der Immobilienwirtschaft zusammen mit dem Mieterbund thematisiert - vor 2.000 Menschen. Wir haben einen Imagefilm gezeigt. Das sind Ansätze, etwas Positives zu zeigen. Der ZIA hat einen Kodex der Wohnungswirtschaft für sich anerkannt und wir werden darauf achten, dass unsere Mitglieder künftig in diesem Sinne agieren.

IZ: Wie denn?

Mattner: Das ist jetzt herrschende Lehre und Gesetz im ZIA und wer sich nicht daran hält, fliegt raus.

IZ: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Friedhelm Feldhaus.

KOMMENTAR Zu "Wir sind die Lösung des Problems"

Solange sich das Gespräch auf vertrautem Terrain bewegt, zeigt sich Andreas Mattner - gefühlt seit Jahrzehnten ZIA-Präsident - eloquent mit routinierten Antworten und guten Ideen, was der Rest der Welt zum Wohle der Immobilienbranche beitragen kann. Doch schon auf dem Verbandstag des ZIA kam Kritik von ungewohnter Seite. "Es liegt auch in der Hand der Immobilienwirtschaft, wie sich die Diskussion über Enteignung und Mietendeckel weiter entwickelt", betonte Oliver Wittke, Parlamentarischer Staatssekretär der CDU im Bundeswirtschaftsministerium. Er forderte Vermieter auf, "nicht alles auszuschöpfen, was möglich ist". Dazu kam von Mattner, ehedem Bürgerschaftsabgeordneter der CDU in Hamburg, schon beim Verbandstag wenig und beim Interview nebenan nicht mehr. Es gebe einzelne schwarze Schafe, bestimmt nicht mehr als in anderen Branchen. Das ist schwer zu verifizieren. Der Geschäftsführer eines großen internationalen Immobilienunternehmens jedenfalls sagte jüngst im vertrauten Kreis, die Modernisierungsumlage und die Betriebskosten seien von großen Wohnungsunternehmen als Profitcenter entwickelt worden. Mit der Reduzierung der Modernisierungsumlage von 11% auf 8% zum Jahresbeginn habe der Staat viel zu spät reagiert. Selbstkritische Töne sind beim ZIA kaum zu vernehmen. Denn Vertreter großer Wohnungsunternehmen, denen hunderttausende leichtsinnig verschleuderte, ehemals kommunale Wohnungen gehören, sitzen auch im ZIA-Vorstand. Stattdessen kritisiert Mattner die Medien, die zur Primetime immer wieder Einzelfälle herausmodernisierter Familien zeigen würden. Auf diesem Glatteis der Medienkritik sollte der ZIA-Präsident vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen. Der Untergrund ist glatt und brüchig. Die Entfesselung der Marktwirtschaft seit 1989 und die Agenda 2010 haben nicht zum sozialen Frieden und zum gleichmäßig gewachsenen Wohlstand aller Bevölkerungsschichten beigetragen. Dass sowohl von rechts- wie von linksaußen grundsätzlich die Systemfrage gestellt wird, sollte auch und insbesondere die Immobilienbranche aufrütteln. Ein Imagefilm und ein Kodex werden da nicht viel reißen. Taten zählen. ff

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