"Auf Twitter gibt es die schiere, nackte Wahrheit"

Unternehmenslenker Ronald Slabke gibt sich auf Twitter äußerst meinungsfreudig.
Quelle: Hypoport AG, Urheber: ChristophNeumann

Ronald Slabke ist Chef von Hypoport, einem börsennotierten Finanzdienstleister, und twittert, was das Zeug hält. Der Familienvater sieht das Zwitschern als Profilstärkung, sein Pressesprecher als Imageproblem. Auf dem Kieker hat Slabke die Berliner Wohnungspolitik.

Immobilien Zeitung: Herr Slabke, ist Ihnen Ihr Job als CEO von Hypoport zu langweilig oder warum toben Sie sich tagtäglich auf Twitter aus?

Ronald Slabke: Glauben Sie mir, mit Langeweile hat das nichts zu tun. Ich habe vor ein paar Jahren entschieden, dass ich in irgendeiner Form mein persönliches Profil ausbauen muss. Anfangs hatte ich das über meine Webseite versucht, das hat aber nur mäßig funktioniert. Vor ein paar Jahren bin ich dann als Konsument von Twitter in eine aktivere Rolle übergegangen.

IZ: Das heißt?

Slabke: Dass ich meine Meinung sage, wenn mich etwas stört oder wenn ich eine Botschaft absetzen will. Auffällig ist, dass die positiven Botschaften die Welt weniger interessieren. Wenn es darum geht, ein Netzwerk aufzubauen, muss man kantig sein.

IZ: Haben Sie dabei Ihre Chefrolle im Blick oder poltern Sie einfach drauf los?

Slabke: Bei ein paar Sachen diskutiere ich emotional, weil ich persönlich betroffen bin. Ein wenig Selbstdisziplin muss ich mir noch aneignen. Generell trete ich als Privatperson auf. Aber manchmal bekomme ich dennoch Anrufe von meinem Pressesprecher, wenn ich die Grenze überschritten habe.

IZ: Sie sagen, dass Sie Ihr persönliches Profil ausbauen "müssen". Warum?

Slabke: Es ist hilfreich, wenn man als Person in der Kredit- und Immobilienwirtschaft greifbar wird. Um ein persönliches Profil zu entwickeln, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Ich versuche es aktuell über soziale Medien. Andauernd auf Konferenzen zu gehen und dort Vorträge zu halten, darauf habe ich einfach keine Lust.

IZ: Und, ist Ihr Versuch von Erfolg gekrönt?

Slabke: Ich bekomme positives Feedback aus der Immobilienwirtschaft. Das geht jetzt nicht von null auf hundert, aber ich habe das Gefühl, dass mich mehr Menschen kennen als vorher.

IZ: Wie viel Zeit opfern Sie für Ihre Profilstärkung?

Slabke: Ein bis zwei Stunden am Tag, inklusive Medienkonsum des Tagesgeschehens.

IZ: Ein CEO eines börsennotierten Unternehmens rechnet in Aufwand-Ertrags-Relationen. Wie steht es mit der Effizienz bei Ihren Twitter-Aktivitäten?

Slabke: Meine Zeit ist mir wertvoll. Vor elf Monaten habe ich eine Tochter bekommen, mit der ich viel Zeit verbringe. Twitter ist ein dankbares Medium, weil es Aufmerksamkeitsspannen von maximal 280 Zeichen erfordert. Das lässt sich also ganz gut in die Betreuung eines Kleinkinds integrieren. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich würde sagen, dass der RoT, der Return on Time invested, ganz ordentlich ist. Traditionelle Methoden des Netzwerkens binden auch viel Zeit. Zum Essen lese ich nicht mehr Zeitungen, sondern Nachrichten über Twitter, das hat sich dafür zum effizientesten Medium entwickelt. Am meisten begeistert mich aber, dass man neben den allgemeinen Ereignissen und redaktionell durchgestylten Trends auch die schiere nackte Wirklichkeit sieht. Ich kann es nur jedem CEO empfehlen. Es schadet nicht, wenigstens mitzulesen, weil man dadurch eine andere Perspektive auf die Welt bekommt.

IZ: Die Wirklichkeit hat Ihnen zuletzt einen kleinen Shitstorm beschert, als Sie der Twitter-Gemeinde mitteilten, dass sich im Grunde jeder mit einem regelmäßigen Einkommen eine Eigentumswohnung leisten könnte. Waren Sie überrascht, dass darauf manche, sagen wir mal, etwas empfindlich reagiert haben?

Slabke: Mir war klar, dass ich in eine Blase poste, die nicht zu meiner Fangemeinde gehört. Die Intensität der Reaktionen hat mich dann aber doch überrascht. Nach einer Stunde hatte ich die Diskussion auf stumm geschaltet. Die Erkenntnis daraus ist aber spannend: Gerade in Berlin scheint es eine breite Bevölkerungsschicht zu geben, die meint, dass Wohneigentum ein Luxusgut ist. Das musste ich mir erst einmal erklären.

IZ: Angesichts der rasant gestiegenen Immobilienpreise erscheint mir diese Ansicht nicht ganz so wirklichkeitsfern.

Slabke: Meiner Meinung nach ist sie es aber, solange es sich nicht um sanierte Wohnungen im Innenstadtring handelt. In Berlin haben die Menschen jahrzehntelang in hochattraktiven Lagen extrem günstig gewohnt. Es gibt einfach kein Verständnis dafür, dass günstiges Wohnen in Toplagen nicht gottgegeben ist, sondern etwas mit der besonderen Geschichte Berlins zu tun hat. Und diese Episode ist seit einigen Jahren vorbei.

IZ: Mit anderen Worten: Die Menschen sollen an den Stadtrand umziehen und nicht über die hohen Preise jammern? Da fehlt mir die soziale Komponente.

Slabke: Ein Umzug ist mit sozialen Kosten verbunden, keine Frage. Aber ist es nicht viel stressiger in einer Gegend zu leben, die man sich eigentlich nicht mehr leisten kann? Nicht nur die Mieten steigen, alle Leistungen werden teurer. Wir können diese Entwicklung nicht aufhalten. Kreuzberg ist nicht am Rand der Stadt, so wie damals im geteilten Berlin, sondern mittendrin. Es gibt viele Egoisten, die sagen, ich will nicht weit fahren, sondern in Kreuzberg leben. Diejenigen, die dort bereits sind, versuchen andere fernzuhalten. Das ist für mich eine unverständliche Doktrin.

IZ: Sie wollen der Gentrifizierung also freien Lauf lassen?

Slabke: Wir haben eine hervorragende Mietregulierung, eine plötzliche Gentrifizierungswelle gibt es nicht. Das läuft jetzt seit ca. zehn Jahren in Berlin und das kommt für niemanden überraschend. Was ist denn die Alternative? Sollen wir die europäische Integration stoppen? Warum haben die Zuwanderer kein Recht darauf, zu entscheiden, wo sie leben wollen? Warum sollen nur sie am Rand wohnen? Am Ende muss es über den Preis gehen.

IZ: Aber nochmals: Bedarf es dabei aus Ihrer Sicht keinerlei sozialer Komponenten?

Slabke: Die soziale Komponente ist das bestehende Mietrecht. Meine Frau kommt aus dem Ausland. Die versteht schon jetzt nicht, dass in Deutschland - abgesehen beim Eigenbedarf - Vermieter dem Mieter nicht kündigen können. Wir haben einen sehr lebendigen und ausgeprägten Mieterschutz und dazu eine exzessive Anwendung des Milieuschutzes. Das ist mehr als genug.

IZ: Mit dem Mietendeckel setzt Berlin noch einen drauf. Auf Twitter lassen Sie Ihrem Unmut über den Deckel seit Monaten freien Lauf. Warum verfehlt der Mietendeckel die gewollte Wirkung, den Berliner Mietwohnungsmarkt zu entspannen?

Slabke: Weil er die Verschwendung von Wohnraum im Bestand fördert. Haushalte mit entsprechendem Budget können sich mehr billigeren Wohnraum leisten. Dadurch wird die Pro-Kopf-Nutzung steigen, wodurch das Angebot an Mietwohnraum abnimmt. Außerdem sorgt die nicht vorhandene Differenzierung nach der Lage für enorme Spannungen in der Kalkulation und wird massenhaft zur Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen und vermehrt zu Eigenbedarfskündigungen führen. Der Mietendeckel ist also unsozial und ungerecht. Und drittens bremst er energetische Sanierungen ab. Die Berliner Gebäude sind zu einem nicht unwesentlichen Teil im Zustand von vor 30 bis 40 Jahren. Wir bräuchten eine Modernisierungsoffensive, aber genau die wird abgewürgt. Genauso wie der Neubau infolge des Vertrauensverlusts bei Investoren. Es ist wirklich mutig, heute zu bauen und damit 2020/2021 fertig zu werden. Dann kann man als Vermieter beten, dass die infolge der Mangelversorgung rasant gestiegenen Neuvertragsmieten, die dann aufgerufen werden, bis dahin nicht auch noch reguliert werden.

IZ: Gibt es gar nichts, auch nichts klitzekleines Positives am Mietendeckel?

Slabke: Es kommt auf die Perspektive an. Alles, was wir über die Einführung eines Mietendeckels auf der Welt wissen, ist, dass der Mietmarkt kleiner und der Wohneigentumsmarkt größer wird. Wenn ich also als CEO von Hypoport spreche, dann ist der Mietendeckel eine wirklich hervorragende Sache: Wir kriegen dadurch eine Berliner Sonderkonjunktur bei der Schaffung von Eigentum. Und wir können das alles über unsere Plattformen finanzieren. Unsere 400 Mitarbeiter in Berlin, die zu einem Großteil zur Miete wohnen, sehen das freilich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Für sie steigen die Preise für Wohneigentum.

IZ: Nun ist der Mietendeckel beschlossene Sache, auf Twitter wettern Sie dennoch weiter eifrig dagegen. Ist Ihre Mission noch nicht beendet?

Slabke: Nein. Das, was sich in Berlin abspielt, in der Zivilgesellschaft, das darf man nicht ausschließlich Aktivisten überlassen. Es gibt in dieser Stadt eine organisierte Szene, die Bauvorhaben verhindert. Die sehen das als Profilierungsmöglichkeit, die Anwohner als Wähler zu gewinnen. Wählerpotenzial zu aktivieren, hilft in diesem Fall aber niemandem. Und dagegen werde ich weiter klare Kante zeigen.

IZ: Sie könnten ja auch in die Politik gehen und das Übel sozusagen an der Wurzel packen. Mal drüber nachgedacht?

Slabke: Nein. Meine Twitter-Aktivität ist zurzeit das Maximum, was ich bereit bin zu investieren. Ich teile meine Perspektive mit der Öffentlichkeit. Das reicht. Mehr Zeit werde ich nicht opfern. Dafür ist mir meine Familie zu wichtig und macht mir mein Job zu viel Spaß. Um die Rettung der Stadt sollen sich andere kümmern.

IZ: Herr Slabke, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nicolas Katzung.

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