"Zur Regulierung gibt es keine Alternative"

Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling.
Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Alexander Sell

Im Interview mit der Immobilien Zeitung verteidigt Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling die Bankenregulierung. Die Auswirkungen seien nicht so dramatisch, wie es Bankenlobbyisten gerne darstellen würden. Insgesamt stellt Wuermeling der Branche ein gutes Zeugnis aus. Sorge bereitet der Bundesbank allerdings die schwache Rentabilität mancher Institute.

Sind Banken wichtig für die Kreditversorgung auf dem gewerblichen Immobilienmarkt?

Banken sind der zentrale Finanzierer von Investitionen und Konsum und damit wirtschaftlichem Fortschritt in Deutschland. Sie sind bei weitem die wichtigsten gewerblichen Immobilienfinanzierer in Deutschland

Warum drangsalieren Sie diese dann durch eine gefühlt nicht enden wollende Regulierung? Manche Bankvorstände sprechen sogar von strangulieren durch die Aufseher, zumindest dann, wenn das Tonband nicht mitläuft.

Ich kenne das Wehklagen der Banken. Es gibt aber zur Regulierung keine Alternative. Wir hatten vor elf Jahren eine Krise, aus der wir unsere Lehren gezogen haben. Die Bankenregulierung ist aus Gründen der Finanzstabilität erforderlich. Natürlich führt sie bei den Instituten zu Belastungen, das räume ich ein. Aus meiner Sicht sind die Maßnahmen aber notwendig. Und die Belastungen sind objektiv tragbar und nicht so groß, wie es Ihnen die Banken bisweilen weismachen wollen.

Banken monieren, dass andere Player weniger streng reguliert werden.

Das mag an der einen oder anderen Stelle so sein. Aber im Bankensektor brauchen wir ein hohes Schutzniveau, weil dort die Einlagen der Unternehmen und der Bürgerinnen und Bürger angelegt sind. Und die Stabilität der Banken ist zentral für das Funktionieren der Volkswirtschaft. Der Sinn der Aufsicht ist, das Scheitern von Banken unwahrscheinlicher zu machen bzw. dessen wirtschaftliche Folgen abzumildern. Niemand wird bestreiten, dass im Kreditgeschäft Risiken liegen und dass daher die Regulierung auch und gerade dort ansetzen muss.

Wie ist Ihr Eindruck vom Zustand der gewerblichen Immobilienfinanzierer in Deutschland? Haben sie ihre Risiken im Griff?

In der Bankenbranche ist die Eigenkapitalausstattung und damit die Verlustabsorptionsfähigkeit enorm angestiegen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 hat sie sich in etwa verdoppelt. Hinzu kommt ein sehr leistungsfähiges Risikomanagement. Insgesamt sind die Banken also um einiges stabiler. Die Kreditportfolios sind im Großen und Ganzen robust und von guter Qualität, die NPL-Quote (Non-Performing Loan) ist verhältnismäßig gering. Allerdings bereitet uns Sorgen, dass die Rentabilität mancher Institute nicht nachhaltig ist.

Warum kümmert es die Aufsicht, wenn Anteilseigner von Kreditinstituten weniger Profit machen?

Uns interessiert grundsätzlich nicht, wie hoch der Gewinn für die Anteilseigner ausfällt, aber sehr wohl, ob Banken in der Lage sind, auch in schwierigen Zeiten Schocks auszuhalten. Hierfür ist es nötig, dass ein Institut über Thesaurierung von Gewinnen zusätzliches Eigenkapital bildet. Das ist schwierig für Institute, bei denen die Gewinne rückläufig sind.

Und Ihren Unmut kommunizieren Sie den betroffenen Instituten in welcher Art und Weise?

Indem wir vom Management fordern, auf der Ertrags- und Kostenseite Maßnahmen zu ergreifen.

Wie kann ich mir das vorstellen? Geben Sie Handlungsanweisungen, welche Geschäfte die Banken machen und von welchen sie aus Risikogesichtsgründen lieber die Finger lassen sollten?

Nein. Das ist die Aufgabe der Bankmanager. Wir kümmern uns um die Stabilität einer Bank und fragen, wie sich das Geschäftsmodell entwickelt, wo kurzfristige Ertragspotenziale liegen und wo das notwendige Eigenkapital herkommt.

Aber hat nicht Stabilität auch etwas mit Risikonahme zu tun? Zu viel Risiko kann schließlich zu Instabilität führen.

Die Übernahme von Risiken zählt zu den Grundfunktionen einer Bank, wofür diese übrigens auch bezahlt wird. Wir achten darauf, dass die eingegangenen Risiken von der Bank getragen werden können, also entsprechende Eigenkapital- und Liquiditätspositionen vorhanden sind. Wir fordern die Banken aber im Umkehrschluss nicht dazu auf, einzelne Risiken einzugehen oder das sein zu lassen. Die Risikopolitik liegt in der Entscheidungshoheit des Managements. Worauf wir aber vermehrt achten werden, ist, dass Risiken angemessen bepreist werden.

Es werden keine Dumping-Kredite vergeben

Werden sie?

Wir sehen eine leichte Tendenz, dass die Kreditmargen und Risikoaufschläge zurückgehen. Trotzdem können Banken noch auskömmliche Margen erzielen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt können wir nicht feststellen, dass Dumping-Kredite vergeben werden.

Wie überprüfen Sie das?

Durch unsere Stresstests, die wir alle zwei Jahre unter den kleinen und mittelgroßen Banken in Deutschland durchführen, und durch die regelmäßig stattfindenden Bankprüfungen, bei denen wir uns auch einzelne Kreditengagements anschauen.

Sind die Banken gewappnet für einen konjunkturellen Abschwung mit dann wieder vermehrten Kreditausfällen?

Die Puffer der Banken für mögliche Verluste infolge eines Konjunkturabschwungs sind in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Allerdings müssen die Institute in der aktuellen Niedrigzinsphase und im Fall zurückgehender Gewinne darauf achten, dass dies so bleibt. Sie sollten nicht der Versuchung unterliegen, weitere Zugeständnisse bei der Kreditvergabe zu machen, indem sie beispielsweise Kredite zu niedrig bepreisen oder besichern oder Kredite an Kreditnehmer mit ungenügender Bonität vergeben. Wenn sich zu viele Risiken materialisieren, kann das für Banken schlecht ausgehen.

Wir haben kein konkretes Idealbild einer Bank

Wie sieht Ihr Idealbild einer Bank aus, wie sollte eine Bank für die Zukunft aufgestellt sein?

Die Aufsicht hat kein konkretes Idealbild für Banken.

Das überrascht mich jetzt.

Ich erkläre es Ihnen. Der Vertrieb und die Steuerung einer Bank sind Managemententscheidungen. Die Bankenaufsicht hat einfache aufsichtliche Kriterien, nach denen wir Banken einschätzen und beurteilen. Damit setzen wir Leitplanken für die Entwicklung von Banken. Welchen konkreten Weg innerhalb dieses Rahmens eine Bank dann einschlägt, liegt nicht in unserer Verantwortung. Unser Blick ist insofern eng, aber das ist ordnungspolitisch auch richtig so. Es geht darum, dass die Risiken beherrschbar bleiben, und nicht darum, einen Industriezweig staatlich zu lenken.

Kommen wir zum Buzzword der Bankenregulierung: Basel III. Bankenlobbyisten sprechen aufgrund der Tragweite der Finalisierung von Basel III auch gerne von Basel IV.

Ja, einige versuchen, das zu dramatisieren. Der Kern von Basel III, der bereits 2010 verabschiedet wurde, war aber viel einschneidender als die jüngste Finalisierung.

Sie sehen also die Auswirkungen für Immobilienfinanzierer als nicht so gravierend an?

Die pauschale Aussage, dass die Kapitalanforderungen stark steigen werden, ist jedenfalls so nicht richtig. Korrekt ist, dass jene Banken vom Anstieg stärker betroffen sein könnten, die ihre vergleichsweise niedrigen Kapitalanforderungen mit internen Modellen ermitteln.

Die Kapitalanforderungen für hiesige Immobilienfinanzierer könnten um bis zu 40% steigen, behaupten Bankenverbände.

Es gibt einige Banken, die erheblich betroffen sein werden. Darunter werden einige Immobilienfinanzierer sein. Die genannten 40% halte ich für zu hoch gegriffen. Für ein Viertel der europäischen Institute sinkt der Eigenkapitalbedarf sogar. Vor allem kleinere und mittlere Institute sind zumeist entweder gar nicht oder nur von moderaten Erhöhungen betroffen.

Machen Sie der Branche Hoffnung auf eine Aufweichung von Basel III, zum Beispiel beim Output-Floor?

Das wäre nicht sinnvoll und im Hinblick auf die Finanzstabilität ein Fehler. Die Aufseher haben eine weltweite freiwillige Vereinbarung getroffen, die davon lebt, dass sie eingehalten wird. Wir wollen auf keinen Fall wortbrüchig gegenüber unseren Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Ländern werden. Nur dann haben wir das Recht, von anderen zu verlangen, dass sie sich ebenfalls an die Standards halten.

Werden das auch die Amerikaner tun, die sich bekanntlich nicht immer an die Vorschläge aus Basel gehalten haben?

Die USA halten sich an die bisherigen Regeln und haben auch zugesagt, sich an die neuen zu halten. Wir verfolgen sehr genau, was die Regulatoren dort machen. Bei jeder neuen Regel schauen wir uns haarklein an, ob sie mit den Baseler Beschlüssen konform sind. Bisher ist das nach unseren Prüfungen der Fall.

Die deutschen Banken monieren, dass die europäische Aufsicht über den eigentlichen Wortlaut von Basel III hinaus eine noch strengere Regulierung durchsetzen möchte. So soll der Output-Floor nicht nur für die sogenannten Säule-1-Kapitalanforderungen und bestimmte Kapitalpuffer, sondern auch für zusätzliche Kapitalpositionen eingeführt werden. Warum gehen Sie so streng mit den Banken um?

Das stimmt nicht. Die vorgesehene Umsetzung hält sich an den Vorschlag des Baseler Ausschusses, der sehr umsichtig austariert wurde. Künftig mit unterschiedlichen Berechnungsgrundlagen für einzelne Kapitalanforderungen zu hantieren, wäre nicht im Sinne der Baseler Vereinbarung - der Output-Floor wurde schließlich nicht umsonst eingeführt. Manche Bankenvertreter fordern sogar Modelle, bei denen unterschiedliche Kapitalanforderungen untereinander verrechnet werden könnten. Es käme also zu einer Doppelbelegung von Eigenkapital. Dies stünde aber im klaren Widerspruch zu den Baseler Vorgaben.

Die Aufsicht ist nicht für die Gesetzgebung verantwortlich

Ist es statthaft, in einer Union auch nationale Interessen zu verfolgen?

Natürlich, aber nicht jedes sektorale Interesse ist auch im Interesse der gesamten nationalen Volkswirtschaft. Zudem muss man in Europa auch Kompromisse schließen. Wir profitieren ungemein vom europäischen Markt, und wenn wir das weiterhin tun wollen, können wir nicht an jeder Spezialregel festhalten. Wir als Aufsicht führen die Gesetze lediglich aus, sind aber nicht für die Gesetzgebung verantwortlich. Bei der Gesetzgebung selbst bringen wir als Bundesbank unsere Expertise in die Meinungsbildung der Bundesregierung ein, die sich dann wiederum in Brüssel engagiert.

Was werden die Auswirkungen von Basel III auf die Immobilienbanken und die Kreditvergabe sein?

Die Auswirkungen werden vermutlich sehr unterschiedlich sein, je nachdem, ob Institute interne Modelle oder den Standardansatz verwenden: Bei Verwendung interner Modelle kann es in der Tat zu einem Anstieg der Kapitalanforderungen bei Immobilienfinanzierungen kommen.

Im Standardansatz dürften Wohnimmobilienkredite mit niedrigen Beleihungsausläufen eher noch günstiger werden. Für Gewerbeimmobilien steigen die Risikogewichte wiederum leicht an. Insgesamt wird es Verschiebungen geben, die die eingegangenen Risiken besser widerspiegeln. Eine Verteuerung oder gar eine erhebliche Einschränkung von risikoarmen Krediten ist nicht zu erwarten. Warnungen, die Kreditversorgung sei durch Basel III gefährdet, sind empirisch unbegründet.

Und wenn es sich in der Praxis für manche Institute als nicht so einfach herausstellt, die Kapitalposition zu verbessern, um die Kreditvergabe wie im bisherigen Umfang aufrechtzuerhalten?

Das halte ich mit Ausnahme einiger Sonderfälle mit hohen Risikopositionen für unwahrscheinlich. Aber letztlich muss dann das Management des Instituts entscheiden, wie Risiko und Eigenkapital in eine nachhaltige Balance gebracht werden können.

Die Banken werden nicht aus dem Markt gedrängt

Eine unerwünschte Nebenwirkung könnte sein, dass die Kreditvergabe in weniger regulierte Märkte verschoben wird. Drängen Sie mit der Regulierung die Banken aus dem Markt?

Meine Erfahrung und die meiner Vorgänger ist, dass bei jeder Verschärfung der Regulierung vorher von einer drohenden Kreditklemme gesprochen wurde. Die ist aber niemals eingetreten, davon gehen wir auch in diesem Fall aus. Und wie gesagt, sind die Auswirkungen der Reformen umsichtig austariert und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so gravierend, dass Banken aus dem Immobiliengeschäft gedrängt werden.

Grüne Investitionen sind nicht per se risikoärmer

Sie könnten ja auch darüber nachdenken, "grüne" Finanzierungen regulatorisch zu bevorteilen.

Nein, dagegen wenden wir uns strikt. Die Bankenaufsicht agiert rein risikobasiert und darf nicht dafür eingesetzt werden, politische und gesellschaftliche Ziele zu erreichen, so wichtig diese auch sein mögen. Unser Auftrag ist, die Stabilität der Banken sicherzustellen. Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat gezeigt, dass grüne Investitionen nicht per se risikoärmer sind als andere. Deswegen sollte die Regulierung weiter bei ihrem risikobasierten Ansatz bleiben.

Was kommt eigentlich nach Basel III? Ist dann erst mal Schluss mit Regulierung?

Schluss mit Regulierung wäre zu viel gesagt, aber wir können klar sagen, dass mit der Finalisierung von Basel III die Lehren aus der Finanzkrise gezogen sind. Dieses Regelwerk ist damit abgeschlossen. Darüber besteht Konsens im Baseler Ausschuss. Das heißt aber nicht, dass es keine neuen regulatorischen Aufgaben gibt, zum Beispiel durch Cyberrisiken. Die Regulierung darf nicht stehen bleiben, wenn die Welt sich immer weiter verändert.

Mehr Regulierung könnte beispielsweise bei der Vergabe von Wohnungskrediten auf die Branche zukommen, etwa durch die Deckelung des LTVs (Loan-to-Value) oder durch Mindesttilgungssätze. Plädieren Sie für eine Erweiterung des Instrumentenkastens für die Aufsicht?

Der Instrumentenkasten enthält bereits seit 2017 zwei wichtige Maßnahmen zu Wohnimmobilienfinanzierungen, die bei einer möglichen Gefährdung der Finanzstabilität von der BaFin angeordnet werden können: Die angesprochene Loan-to-Value-Obergrenze sowie die sogenannte Amortisationsanforderung, die Laufzeitvorgaben für neu vergebene Kredite ermöglicht. Offen ist hingegen die Schaffung einkommensbezogener Instrumente wie die Schuldendienst-Einkommens-Relation. Zur Erinnerung: Der Ausschuss für Finanzstabilität, dem auch die Bundesbank angehört, hatte seinerzeit einen Instrumentenkasten empfohlen, der auch einkommensbezogene Instrumente enthielt. Dieser wurde vom Bundestag bisher nicht vollständig umgesetzt.

Dafür ist die Rechtsgrundlage für die Datenerhebung zu Wohnungskrediten endlich auf den Weg gebracht. Wann werden Sie damit starten können?

Wir gehen davon aus, dass die entsprechende Verordnung vom Bundesfinanzministerium bald in Kraft gesetzt wird. Fakt ist: Wir wissen einfach nicht genug über die Kreditvergabe in der privaten Wohnimmobilienfinanzierung. Die erforderlichen Daten werden von uns nicht systematisch erhoben. Wir erhalten sie nur mithilfe von sehr arbeitsaufwändigen Umfragen.

Dann wären die Sonderumfragen, die Sie momentan zusammen mit der BaFin im regelmäßigen Turnus durchführen, obsolet?

Wenn wir künftig regelmäßig granulare Daten erhalten, werden Sonderumfragen entbehrlich.

Herr Wuermeling, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nicolas Katzung.

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