Zinsen anders denken - EZB macht Negativzinsen möglich

Mit der aktuellen Geldpolitik der EZB steht die Immobilienbranche nach Meinung von Zinsexperte Kurt Neuwirth vor einem Paradigmenwechsel: "Wir müssen lernen, Zinsen invers zu denken."

Kurt Neuwirth.
Urheberin: Anna Reifer Fotografie, 83512 Wasserburg

Bis vor kurzem waren negative Zinsen hierzulande für Hypotheken im Wohnbereich oder bei gewerblichen Immobilienfinanzierungen nicht denkbar. In Zukunft kann sich das ändern: wenn auf den sogenannten Einlagenzins bei der Europäischen Zentralbank (EZB) noch höhere negative Zinsen anfallen oder das Wirtschaftswachstum weiter zurückgeht.

Mitte 2019 waren die fünfjährigen Immobilienkredite bereits bei knapp 0% verzinst. Die Zinsen mit zehnjähriger Bindung lagen bei guter Bonität schon an der 0,5%-Grenze und die zehnjährigen Swap-Sätze Mitte August 2019 bei -0,435%, der bisherige Tiefstwert. In Dänemark gibt es schon seit längerem negative Zinsen auf Baugeld, beispielsweise bei der Jyske Bank. Hierzulande bewirbt Check24 Immobilienkredite zum Minuszins. Die Münchener Hypothekenbank refinanzierte sich mit einem Pfandbrief mit Minusrendite und die BerlinHyp brachte einen Jumbopfandbrief mit einer Negativrendite von -0,588% an den Markt. Verkehrte Zinswelt.

Angenommen, Wohnungs- oder Hauskäufer nehmen Baugeld mit einem Minuszins auf, dann bekommen sie einen Rabatt von der Bank: Statt Zinsen auf ihr Darlehen zu bezahlen, müssten sie den aufgenommenen Immobilienkredit nicht einmal komplett zurückzahlen: Bei 500.000 Euro Kredit wären es zum Beispiel nur 450.000 Euro. Eine Zinslast auf Tilgungen würde es dann nicht mehr geben.

Auch die Bundesbank kann sich für den deutschen Markt negative Zinsen auf Immobilienkredite vorstellen. "Betriebswirtschaftlich kann es für eine Bank sinnvoll sein, Kredite negativ zu verzinsen anstatt selbst noch höhere Zinsen bei einer anderen Verwendung zu bezahlen", sagte Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling letzten September. Denn das Geld zu verleihen und noch einen Bonus obendrauf zu zahlen, ist für die Institute das kleinere Übel.

Die Alternative wäre, das Kapital bei der EZB zu parken. Dafür fällt aber derzeit ein "Strafzins" von -0,5% an. Für die Banken lohnt sich das Geschäft mit dem Baugeld also auch dann, wenn sie Hauskäufer für die Kreditaufnahme bezahlen - zumindest solange die Kosten über dem Einlagezins der EZB liegen.

Die Wahrscheinlichkeit für negativ verzinste Bauzinsen ist also gegeben. Tatsächlich sind sie sogar schon Realität - zumindest wenn man Fördermittel der KfW in Form von Tilgungszuschüssen bei der Immobilienfinanzierung berücksichtigt. Und KfW-Chef Günther Bräunig kündigte im November 2019 sogar an, dass es unausweichlich sei, sich auf die Vergabe von negativ verzinsten Förderkrediten vorzubereiten. Bald könnte es also heißen: Wer sich Geld leiht, bekommt Geld geschenkt.

Zurück zur Startseite